Vishy Anand im Gespräch(3):„MEIN JÜNGERS ICH WÄRE FAVORIT“

Auch mit 56 Jahren hält Viswanathan Anand sein Schachverständnis auf modernem Niveau. Im dritten Teil des Gesprächs mit Greg Mustreader erklärt der fünffache Weltmeister, wie Computer das Training verändert haben, warum Eröffnungsvorbereitung heute anders funktioniert und weshalb er in einem hypothetischen Duell trotzdem auf den jungen Anand setzen würde.

Wie Anand heute trainiert

Greg Mustreader: Du bist sehr bescheiden, wenn du sagst, dass du nicht erwartest, noch richtig mithalten zu können. Denn bei den Turnieren, die du spielst, sind deine Resultate, gelinde gesagt, immer noch sehr, sehr beeindruckend.

Deshalb wollte ich dich fragen: Hast du deinen Ansatz bei der Vorbereitung auf Turniere und beim Studium des Schachs verändert? Denn offensichtlich kannst du heute nicht mehr so viel Zeit in die Vorbereitung investieren wie früher. Wenn wir etwa über die jungen indischen oder usbekischen Talente sprechen, beschäftigen sie sich praktisch den ganzen Tag mit Schach. Wenn du gegen sie spielst, musst du deinen Ansatz irgendwie anpassen, um weiterhin mithalten zu können, obwohl du deutlich weniger Zeit investierst.

Wie machst du das? Gibt es dafür ein Rezept?

Vishy Anand: Ich habe einige Dinge verändert. Zunächst einmal haben sich die Computer im Vergleich zu der Zeit, als ich um den Weltmeistertitel gespielt habe, enorm weiterentwickelt. Selbst wenn ich heute noch einmal einen WM-Kampf spielen würde, würde ich mich nicht mehr auf dieselbe Weise vorbereiten. Nicht, weil diese Art der Vorbereitung überholt wäre. So nutzt man moderne Technologie heute einfach nicht mehr. Man bekommt Antworten viel schneller, Lösungen werden viel schneller gefunden. Deshalb muss man einen Schritt weitergehen.

Verborgene Ideen statt endloser Varianten

Viele Eröffnungen lassen sich heute relativ leicht analysieren und bis zu einem gewissen Punkt praktisch lösen. Deshalb muss man tiefer graben und nach kleinen, verborgenen Ressourcen suchen.

Ich glaube, modernes Training bedeutet heute tatsächlich auch sehr viel Spielen: Dinge mit Freunden ausprobieren, viele schnelle Trainingspartien spielen. Dadurch entwickelt man die Fähigkeit, sich ans Brett zu setzen und den Gegner hier und da mit etwas Unerwartetem zu überraschen.

Diesen Trend sieht man auch in den Eröffnungen. Ich weiss nicht, wie viel Prozent der heute gespielten Eröffnungsideen vorher noch nie auf dem Brett standen.

Sehr oft kommt irgendwann ein Zug wie e3, dann b3, dann h3 – und man versucht einfach, eine ungewöhnliche Stellung zu bekommen. Genau darum geht es.

Deshalb glaube ich nicht unbedingt, dass die Spieler heute ständig nur analysieren und arbeiten. Aber man muss sehr viel spielen.

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Und zumindest im Moment zeigen meine Resultate wohl, dass ich mich stärker auf Mittelspiel und Endspiel konzentriere, statt meinen Schwerpunkt auf die Eröffnung zu legen.

Manchmal tagelang gar kein Training

Greg Mustreader: Wie viele Stunden pro Tag widmest du im Durchschnitt deinem eigenen Schachtraining? Ich meine nicht die Arbeit mit Schülern oder deine administrativen und anderen Aufgaben im Schach, sondern ausschliesslich dein persönliches Training.

Vishy Anand: Ein Durchschnitt ist eigentlich wenig aussagekräftig. An sehr vielen Tagen mache ich überhaupt nichts. Vielleicht schaue ich mir nur kurz an, was am Vortag bei einem Turnier passiert ist oder etwas Ähnliches. Aber wenn ich trainiere, versuche ich, mir dafür bewusst Zeit zu nehmen – mindestens ein paar Stunden. Ich treffe mich mit Freunden, wir spielen Trainingspartien, ich teste ein System, das ich vielleicht einsetzen möchte, oder ich versuche einfach herauszufinden, wie es sich anfühlt, eine bestimmte Stellung zu spielen. Einige Wochen im Jahr komme ich deshalb auf drei Stunden am Tag, manchmal sogar etwas mehr. Aber im Jahresdurchschnitt fällt das wahrscheinlich wieder stark ab, weil es grosse Phasen gibt, in denen ich überhaupt kein persönliches Schachtraining mache. Ich glaube, mein nächster Einsatz wird in der Global Chess League sein. Danach kommt natürlich die Olympiade. Dort werde ich mit meiner anderen Rolle wahrscheinlich vollständig beschäftigt sein und vielleicht nur gelegentlich dazu kommen, eine Partie oder ein Diagramm anzuschauen. Deshalb trenne ich diese Dinge heute viel stärker voneinander. Ich schalte buchstäblich um: an, aus, an, aus.

Vor dem Turnier wird aufgefrischt

Greg Mustreader: Das muss eine echte Herausforderung sein. Aber vor einem Turnier arbeitest du vermutlich intensiver und bereitest dich gezielt darauf vor?

Vishy Anand: Ich überlege mir: Wenn ich gegen diesen Gegner spiele, was möchte ich spielen? Dann frische ich bestimmte Dinge auf. Heute verlieren die Spieler nicht mehr so oft direkt in der Eröffnung wie früher, weil ihre Vorbereitung viel besser ist. Deshalb möchte man nicht der Einzige sein, der schon in der Eröffnung in Schwierigkeiten gerät. Man versucht, eine vernünftige Stellung zu bekommen und von dort aus zu spielen. Natürlich liegt dieser Ausgangspunkt heute immer tiefer in der Partie. Man geht deshalb viele Dinge selbst noch einmal durch, damit man sich ans Brett setzen kann und weiss: Ich habe bestimmte Ideen, mit denen ich arbeiten kann.

„Mein Stil steckt tief in mir“

Greg Mustreader: Wie hat sich dein Schach deiner Meinung nach über die Jahre verändert? Anand im Jahr 2026 und Anand im Jahr 2008 sind vermutlich zwei unterschiedliche Schachspieler. Oder gibt es doch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede?

Vishy Anand: Ich glaube, mein Stil ist sehr tief in mir verankert. Ein grosser Teil der Art, wie ich Schach spiele, wurde wahrscheinlich in der Zeit geprägt, als ich das Spiel gelernt habe, und weniger durch das, was heute passiert.

Aber mein Denken entwickelt sich ständig weiter. Wir verfügen heute über all diese neuen Informationen und können praktisch alles noch einmal neu betrachten. Wir können Ideen gegen einen starken Gegner ausprobieren – und wenn nicht gegen einen Menschen, dann zumindest gegen einen starken Computer. Mein Schachverständnis entwickelt sich deshalb definitiv weiter. Es überrascht mich immer wieder, dass viele Eröffnungen, die ich früher gespielt habe, heute nicht unbedingt vollständig gelöst sind, aber dass die Lösungen völlig anders aussehen als das, was wir damals für richtig hielten.

Computer haben alte Dogmen zerstört

Im Grunde versuche ich, mein Verständnis des Spiels auf einem modernen Stand zu halten und mich neuen Ideen nicht zu verschliessen.

Es gibt viele Ideen, die ich 2008 sofort verworfen hätte, weil sie für mich einfach falsch aussahen. Inzwischen ist unsere Komfortzone, wenn man es so nennen möchte, bei allen Schachspielern deutlich grösser geworden. Heute haben wir fast eine neue Art von Schach. Sie ähnelt dem Schach, das wir früher gespielt haben, aber es gibt einige erkennbare Unterschiede.

Greg Mustreader: Kannst du einige davon nennen?

Vishy Anand: Ich habe bereits die Eröffnungen erwähnt. Einige taktische Ideen kannte ich natürlich schon. Auch Vorstellungen von Kompensation und ähnliche Dinge. Wer viele meiner Partien aus meiner Jugend gesehen hat, weiss, dass ich eine grosse Vorliebe für Qualitätsopfer hatte. Ich opferte gerne einen Turm für einen Läufer oder Springer. Oft glaubte ich, dafür sehr grosse Kompensation zu bekommen. Damals habe ich das natürlich nicht in Zahlen ausgedrückt. Aber ich bin ziemlich sicher, dass ein Computer heute bei mindestens 20 oder 30 Prozent jener Stellungen, bei denen ich von hervorragender Kompensation überzeugt war, einfach sagen würde: Der Turm ist stärker. Wir verstanden damals nur nicht genau, warum.

Das ist eine dieser Veränderungen.

Der König zieht plötzlich seinen Bauern

Heute weiss praktisch jeder, dass man irgendwann einmal einen Bauern vor dem eigenen König ziehen kann. Auch das gehört zu den neuen Dingen, die wir ständig sehen.

Bestimmte Trends tauchen in den verschiedensten Eröffnungen auf. Sie springen einem regelrecht ins Auge.

Ganz allgemein glaube ich, dass uns der Computer von vielen Dogmen befreit hat.

Gerade jüngere Spieler, die nicht mit einer riesigen Menge alter Varianten aufgewachsen sind, können solche Vorstellungen sehr schnell verwerfen und einfach weitermachen.

Endspielwissen muss sofort abrufbar sein

Mit den immer schnelleren Bedenkzeiten reicht es heute auch nicht mehr, Endspiele einfach nur zu kennen.

Man muss über Endspielwissen verfügen, das man sofort anwenden kann.

Es reicht nicht zu sagen: „Ich weiss, wie dieses Endspiel gespielt wird“, wenn man vielleicht innerhalb weniger Sekunden eine Entscheidung treffen muss.

Man fragt sich also nicht mehr nur: „Kann ich diese Stellung halten?“ oder „Kann ich sie gewinnen?“

Heute muss man zusätzlich überlegen: „Kann ich sie innerhalb weniger Sekunden gewinnen?“

Man muss für unterschiedliche Bedenkzeiten anders denken. Und man muss für unterschiedliche Formate anders denken.

Etwas wie Total Chess ist deshalb ein fantastisches neues Format. Es testet verschiedene Fähigkeiten und misst sie auf unterschiedliche Weise.

Die Entwicklung geht in diese Richtung. Und doch führt alles wieder zur Eröffnung Aber zwangsläufig landen wir immer wieder bei den Eröffnungen.

Selbst Spieler, die gar nicht versuchen, vorbereitete Varianten aufs Brett zu bekommen, bereiten ihre Partien heute tiefer vor als früher. Ich glaube, die gesamte schachliche Wissensbasis hat sich in diese Richtung entwickelt.

2026 gegen 2008: Wer würde gewinnen?

Greg Mustreader: Es ist interessant darüber nachzudenken, wie dein heutiges Niveau in einem Match gegen den Vishy Anand von vor 15 Jahren aussehen würde.

Wenn wir die Eröffnungen einmal ausklammern – denn die Computer sind heute natürlich viel stärker und du hättest dort einen enormen Vorteil in der Vorbereitung –, würde dein zusätzliches Schachverständnis dich zum Favoriten machen?

Oder wäre der jüngere Vishy Favorit, weil er zum Beispiel mehr Energie hatte?

Vishy Anand: Das war natürlich teilweise scherzhaft gemeint. Ich kenne Spieler, die früher glaubten, man müsse einfach schnell und selbstbewusst spielen, und es sei nicht schlimm, wenn dabei ein schlechter Zug herauskomme. Das sei immer noch besser, als zu versuchen, gutes Schach zu spielen. Aber ich müsste sagen: der jüngere Anand. Ich glaube, allein die Jugend bringt etwas mit sich, das am Schachbrett einen bedeutenden Vorteil darstellt. Meine Rechengeschwindigkeit war damals vermutlich höher, und viele andere Dinge wahrscheinlich ebenfalls. Heute versuche ich, mit der Zeit Schritt zu halten, wie ich schon gesagt habe. Trotzdem würde ich auf mein jüngeres Ich setzen.

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