Vishy Anand im Gespräch(2):„DIE KANDIDATEN WÄREN VERLOCKEND“

Kein Comeback im WM-Zyklus

Der fünffache Weltmeister Viswanathan Anand spricht im zweiten Teil des Interviews mit Greg Mustreader über eine mögliche Rückkehr ins WM-Rennen, den Reiz des Kandidatenturniers und die Zukunft der klassischen Weltmeisterschaft. Für Anand steht fest: Der klassische WM-Titel bleibt trotz neuer Formate die wichtigste Verbindung zwischen der Geschichte und der Zukunft des Schachs.

Greg Mustreader: Auf jeden Fall werden wir dieses Match leider nicht sehen können, aber ich glaube, es wäre unterhaltsam. Noch eine Frage zu diesem Thema. Wir haben bereits über die Total Chess World Championship gesprochen und darüber, dass du höchstwahrscheinlich nicht teilnehmen wirst. Hast du darüber nachgedacht, vielleicht doch noch einmal zu versuchen, in den Weltmeisterschaftszyklus einzusteigen? Das wäre einer der Wege zum Kandidatenturnier. Oder hast du entschieden, dass diese Tür für dich bereits geschlossen ist?

Vishy Anand: Ja, ich nehme nicht mehr am Weltmeisterschaftszyklus teil. Ich habe schon seit einigen Jahren nicht mehr mitgespielt. Und hier lautet meine Antwort definitiv: nein. Ich werde einfach keine Weltcups und Grand-Swiss-Turniere spielen. Ich bestreite nicht genügend Turniere, um mich auf diesen Zyklus einzulassen. Es ist einfach zu viel. Ich sehe keinen Sinn darin. Es dauert zu lange. Und selbst wenn ich mein aktuelles Spielniveau zunächst einmal ausser Acht lasse, glaube ich nicht, dass ich die notwendige Bereitschaft dafür mitbringe. Es wäre nicht einfach. Man müsste sich voll darauf konzentrieren und im Grunde die gesamte Aufmerksamkeit wieder auf dieses eine Ziel richten, um überhaupt eine Chance zu haben. Dazu bin ich nicht bereit. Deshalb kann ich den Weltmeisterschaftszyklus für mich abhaken. Wie gesagt: Im Moment möchte ich einige wenige Einladungsturniere im Jahr spielen – und nicht viel mehr.

Greg Mustreader: Ich muss sagen, genauso sieht es auch aus.

Vishy Anand: Inzwischen berücksichtigen mich viele Veranstalter gar nicht mehr. Das wird also ein bisschen zu einem Teufelskreis. Wenn ich wieder häufiger spielen wollte, müsste ich wahrscheinlich erst einmal viele Leute anrufen und sagen: „Hey, erinnert ihr euch noch an mich?“ Ehrlich gesagt habe ich darüber schon seit einiger Zeit nicht mehr nachgedacht.

„Das Kandidatenturnier ist verlockend“

Greg Mustreader: Ja, ich verstehe. Deshalb habe ich nach der Total Chess Championship gefragt. In deiner heutigen Situation wäre das wahrscheinlich ein realistischeres Qualifikationsmodell. Und es ist einer der Wege zum Kandidatenturnier. Also rein hypothetisch: Was wäre, wenn dir die Organisatoren der Total Chess Tour 2027 eine Wildcard geben, du hervorragend spielst und dich für das Kandidatenturnier qualifizierst? Würdest du dann bei den Kandidaten spielen?

Vishy Anand: *Weisst du, das Kandidatenturnier ist tatsächlich verlockend. Aber ich glaube nicht, dass es so kommen wird. Ich denke, ich müsste mich dafür qualifizieren. Mein Problem ist gleichzeitig, dass ich mich gar nicht mehr vollständig daran erinnere, wie schwierig diese Dinge tatsächlich waren. Ich schaue heute von aussen darauf und muss mich selbst daran erinnern. Wenn man nicht mehr mitten im Geschehen steckt, verliert man die Perspektive. Man schaut einfach den anderen zu. Und es gibt immer jemanden, der alles ganz einfach aussehen lässt. Das macht es noch schlimmer. Dieses Mal war es Sindarov. Ich glaube nicht, dass Gukesh es einfach aussehen liess, obwohl er nie weit von der Spitze entfernt war. Und vor ihm hat natürlich Nepo alles unglaublich einfach aussehen lassen. Er hat sich tatsächlich in zwei Zyklen praktisch schon eine Runde vor Schluss qualifiziert. Das ist wirklich unglaublich. Aber man sollte sich wohl eher mit den anderen sieben Spielern vergleichen und erkennen, dass deren Erfahrungen das realistischere Szenario darstellen. Nein, ich denke nicht darüber nach. Ich habe aufgehört, am Weltmeisterschaftszyklus teilzunehmen, und diese Entscheidung bereits 2020 getroffen. Das war es. Ich mache nicht mehr weiter. Es geschah während der Pandemie, aber ich erkannte damals, dass es für mich kein realistisches Vorhaben mehr war.

Greg Mustreader: Verstehe. Vielen Dank, dass du das so offen erklärst.* Was bedeutet „Weltmeister“ in zehn Jahren? Greg Mustreader: Wenn wir über die Total Chess Championship und die Zukunft des Weltmeistertitels sprechen, würde mich deine Meinung besonders interessieren, weil du diesen Titel selbst in so vielen unterschiedlichen Formaten gewonnen hast. Wenn die Menschen in, sagen wir, zehn Jahren den Begriff „Schachweltmeister“ hören – woran werden sie zuerst denken? Werden sie weiterhin an den Weltmeister im klassischen Schach denken? Oder wird es jemand anderes sein? Was wird mit dem Begriff „Weltmeister“ passieren? Was denkst du?

Vishy Anand: *Für mich ist ziemlich klar: Trotz der vielen Veränderungen – und sogar trotz der veränderten Rolle des klassischen Schachs – betrachten die Menschen diesen Weltmeistertitel weiterhin als etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt. Das gilt für Fans und Zuschauer genauso wie für die besten Spieler. Es ist ein äusserst begehrtes Ziel. Vielleicht ist die Weltmeisterschaft sogar unsere grösste Veranstaltung, wenn man ihre Reichweite und die Aufmerksamkeit betrachtet, die sie erzeugt. Denn dieser Titel hat etwas Besonderes. Selbst Menschen, die sich nicht besonders für Schach interessieren, wollen wissen, wer der Weltmeister ist. Genau deshalb ist dieser Titel wichtig. Die Verbindung zur Geschichte bewahren

Vishy Anand: Ich halte es für wichtig, das klassische Format und seine Verbindung zur Vergangenheit zu bewahren. Das ist etwas Fundamentales. Ich unterstütze das sehr. Ich frage mich oft, wie jemand aus den 1920er-Jahren einen Weltmeisterschaftskampf der 1970er- oder 1980er-Jahre betrachtet hätte. Wir neigen manchmal dazu, all diese Epochen als eine Einheit zu sehen. Aber in den 1920er-Jahren reisten die Menschen mit dem Schiff nach Südamerika, nach Buenos Aires, um einen Wettkampf zu spielen. Oder der vorherige Wettkampf fand auf Kuba statt, nicht wahr? In Havanna. Allein die Reise dauerte für sie eine Woche. Wir leben im Zeitalter des Flugzeugs. Heute kann man praktisch noch am selben Tag sein Ziel erreichen.

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Auch die Vorbereitung auf Schachpartien hat sich enorm verändert. Was wir sagen können, ist, dass die Spieler auch ohne Computer gemeinsam arbeiteten und bei der Vorbereitung zusammenarbeiteten. In diesem Sinne können wir die verschiedenen Epochen miteinander vergleichen.

Wir sprechen also von einer Zeit, in der man eine Woche brauchte, um einen Ozean zu überqueren. Schon die 1970er-Jahre waren dagegen eine völlig andere Welt. Deshalb müssen wir ein gewisses Mass an Veränderung zulassen. Selbst wenn man über Wettkämpfe in St. Louis oder über William Steinitz' Wettkämpfe in New York liest und sich anschaut, wie die Spieler von einer Stadt zur anderen oder von einer Veranstaltung zur nächsten reisten, wirkt das heute schon völlig anders.

Unabhängig davon müssen wir anerkennen, dass Computer, so wie wir sie heute kennen, das Schach enorm verändert haben.

Tradition und moderne Ideen

Vishy Anand: Trotzdem finde ich es weiterhin grossartig, festzustellen, wer der beste Spieler im klassischen Schach ist – auch wenn sich die Trainingsmethoden ständig weiterentwickeln. Es ist wichtig, diese Verbindung zur Tradition zu erhalten und sich gleichzeitig modernen Ideen und Entwicklungen keineswegs zu verschliessen. Aber es ist eine Herausforderung. Es ist eine Herausforderung, diesen Titel zu gewinnen. Und es ist faszinierend, einen solchen Wettkampf zu verfolgen. Das hilft dem Schach enorm. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass die Weltmeisterschaft im klassischen Schach weiterhin eine sehr wichtige Rolle spielt. Natürlich werden wir künftig noch mehr unterschiedliche Formate und Bedenkzeiten erleben und vieles ausprobieren. Denn nicht nur die Art und Weise, wie wir Schach studieren, hat sich verändert. Auch die Art, wie Zuschauer die Partien verfolgen, hat sich verändert. Die Vermarktung unseres Sports hat sich verändert. Die Art und Weise, wie man eine Fangemeinde aufbaut, hat sich verändert. All das ist heute anders. Wenn wir also wollen, dass dieser Sport sehr dynamisch bleibt, müssen wir Formate verändern, vielfältigere Teilnahmemöglichkeiten schaffen und unterschiedliche Besetzungen sowie verschiedene Arten von Wettbewerben ermöglichen. Damit sollten wir weitermachen.

„Die WM bleibt der Massstab“

Vishy Anand: Aber ich glaube, dass das Format der Weltmeisterschaft weiterhin ein Massstab für höchste schachliche Qualität bleibt. Und gleichzeitig ermöglicht es uns, die Verbindung zu unserer gesamten Tradition und Geschichte zu bewahren. Genau deshalb ist dieser Weltmeistertitel so wertvoll.

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