„Plötzlich sah ich keinen Gott mehr, sondern einen Menschen“
Judit Polgar schrieb Schachgeschichte, als sie 2002 Garri Kasparow besiegte. Doch die Geschichte ihrer Rivalität hatte schon Jahre zuvor in Linares begonnen – mit einem der umstrittensten Momente in Polgars Karriere. Später erklärte die beste Schachspielerin der Geschichte, warum gemeinsames Training ihre Sicht auf den 13. Weltmeister grundlegend veränderte.
Linares – der „Wimbledon des Schachs“
Nach dem Bruch zwischen Garri Kasparow und der FIDE im Jahr 1993 war die Schachwelt gespalten. Kasparow und Nigel Short gründeten die Professional Chess Association (PCA) und spielten ihren eigenen Weltmeisterschaftskampf. Die FIDE organisierte parallel einen WM-Kampf zwischen Anatoli Karpow und Jan Timman, den Karpow gewann.

Damit gab es faktisch zwei Weltmeister. Kasparow dominierte die PCA-Welt, Karpow trug den offiziellen FIDE-Titel.
Einer der wenigen Orte, an denen beide regelmässig aufeinandertrafen, war Linares. Das spanische Superturnier galt damals als eine Art inoffizielle Weltmeisterschaft und wurde wegen seiner aussergewöhnlich starken Besetzung häufig als „Wimbledon des Schachs“ bezeichnet. Kasparow prägte die Geschichte des Turniers wie kaum ein anderer. Seit seinem ersten Auftritt 1990 gehörte er fast immer zu den dominierenden Spielern und gewann Linares mehrfach.

Garry Kasparov Schacholympiade Luzern 1982, UdSSR-England
1994 sollte jedoch ein anderer Spieler das Turnier beherrschen: Anatoli Karpow spielte eines der stärksten Turniere seiner Karriere und gewann mit sensationellen 11 Punkten aus 13 Partien. Kasparow und Alexei Schirow teilten mit 8½ Punkten den zweiten Platz.
Der berühmte Zwischenfall mit Polgar
Für besonderes Aufsehen sorgte jedoch eine Partie der fünften Runde zwischen dem damals 30-jährigen Kasparow und der erst 17-jährigen Judit Polgar. In einer kritischen Stellung zog Kasparow seinen Springer von d7 nach c5. Fernsehaufnahmen erweckten den Eindruck, dass er die Figur für einen kurzen Moment losliess. Dann bemerkte er offenbar die taktischen Konsequenzen, nahm den Springer erneut und stellte ihn auf ein anderes Feld. Nach der Regel „berührt – geführt“ wäre ein bereits ausgeführter Zug nicht mehr zurücknehmbar gewesen.

Polgar bemerkte den Vorgang und blickte zum Schiedsrichter. Dieser griff jedoch nicht ein. Die Partie wurde fortgesetzt – und Kasparow gewann. Jahre später beschrieb Kasparow die Situation aus seiner Sicht. Er erklärte, dass er den Springer in Zeitnot nervös nach c5 gestellt, die drohende Taktik aber sofort erkannt und die Figur wieder zurückgezogen habe, ohne sie seiner Auffassung nach vollständig loszulassen. Die Fernsehbilder wurden nach der Partie intensiv diskutiert. Das Ergebnis wurde jedoch nicht geändert. Für die junge Polgar war der Vorfall bitter. Später sagte sie, dass diese Erfahrung sie zwar getroffen, gleichzeitig aber auch stärker gemacht habe.
Acht Jahre später kam die Revanche
Im September 2002 trafen Kasparow und Polgar in Moskau beim spektakulären Mannschaftskampf Russland gegen den Rest der Welt erneut aufeinander.
Diesmal gelang der Ungarin, was zuvor noch keiner Frau gegen Kasparow in einer gewerteten Partie gelungen war: Sie besiegte den 13. Weltmeister.
Gespielt wurde mit verkürzter Bedenkzeit. In einer Berliner Verteidigung der Spanischen Partie konnte Polgar ihre Figuren hervorragend koordinieren. Kasparow geriet zunehmend unter Druck und musste schliesslich die Niederlage anerkennen.
Der Erfolg sorgte weltweit für Schlagzeilen. Für Polgar hatte er jedoch eine Vorgeschichte.
„Da sah ich einen Menschen“
Judit Polgar erklärte später, dass nicht allein die berühmte Siegpartie von 2002 entscheidend für ihr Selbstvertrauen gegenüber Kasparow gewesen sei. Schon zuvor hatte sich ihre Wahrnehmung des dominierenden Weltmeisters verändert.
Besonders wichtig war eine gemeinsame Trainingsphase. Polgar erinnerte sich: „Einmal lud mich Kasparow ein, eine Woche lang gemeinsam zu trainieren. Das war ein grosser Fehler.“ Warum? „Wenn man viele Stunden miteinander trainiert, redet, plaudert, gemeinsam isst und Zeit miteinander verbringt, zeigt man zwangsläufig auch seine Schwächen.“ Für Polgar verschwand dadurch etwas von der beinahe unantastbaren Aura, die Kasparow damals umgab.

„Und da sah ich zum ersten Mal keinen Gott mehr vor mir, sondern einen Menschen. In diesem Moment verstand ich, dass man ihn schlagen kann.“ Eine historische Rivalität Kasparow blieb in der direkten Bilanz gegen Polgar klar überlegen. Doch für Judit hatte der eine Sieg eine besondere historische Bedeutung. Gleichzeitig betonte sie später, dass ihr persönlich sogar zwei Remis gegen Kasparow in Linares besonders viel bedeutet hätten. Sie zeigten ihr, dass sie auf höchstem Niveau mit dem dominierenden Spieler ihrer Epoche mithalten konnte.
Aus der früheren Rivalität entwickelte sich mit der Zeit ein freundschaftliches Verhältnis. Kasparow und Polgar engagierten sich später beide dafür, Schach als Bildungsinstrument für Kinder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Die Geschichte ihrer Begegnungen erzählt deshalb mehr als nur von Siegen und Niederlagen.
Für Polgar war der entscheidende Schritt vielleicht jener Moment, in dem der scheinbar unbesiegbare Kasparow seine übermenschliche Aura verlor:
Aus dem „Schachgott“ wurde ein Gegner – und damit ein Mensch, den man besiegen konnte.