Drei Wochen vor der Wahl des neuen FIDE-Präsidenten verschärft sich der Wahlkampf erheblich.
Timur Turlov, der gemeinsam mit dem fünffachen Weltmeister Viswanathan Anand antritt, fordert die FIDE-Wahlkommission auf, seinen Konkurrenten Wadim Rosenstein von der Wahlliste zu streichen. Gleichzeitig soll nach Turlovs Antrag das Stimmrecht des Deutschen Schachbundes (DSB) für die Wahl ausgesetzt werden.

Im Zentrum des Streits steht ein Sponsoringvertrag zwischen Rosenstein beziehungsweise seinem Unternehmen WR Events und dem Deutschen Schachbund. Doch inzwischen geht der Konflikt weit darüber hinaus: Alle drei Präsidentschaftsteams haben Beschwerden im Zusammenhang mit der Wahl eingereicht.
Der Stein des Anstosses: ein Sponsoringvertrag
Turlovs Beschwerde wurde am 28. August von der Zürcher Anwaltskanzlei 5Gambit Disputes bei der FIDE-Wahlkommission eingereicht und nach Angaben seines Wahlkampfteams noch am selben Tag Rosenstein und dem DSB übermittelt.
Turlovs Seite verweist dabei auf folgende Chronologie:
Im Mai 2026 ernannte der Deutsche Schachbund Rosenstein zu seinem FIDE-Delegierten – also zu jener Person, die den DSB innerhalb der FIDE vertritt und bei der Präsidentschaftswahl die Stimme des deutschen Verbandes abgeben kann.
Im Juli nominierte der DSB Rosenstein als Kandidaten für das Amt des FIDE-Präsidenten.
Am 19. August, nur gut fünf Wochen vor der Wahl, gab der DSB schliesslich einen neuen Sponsoringvertrag mit Rosenstein und WR Events beziehungsweise WR Chess bekannt. Der Verband selbst bezeichnete das Engagement als einen der grössten Sponsoringverträge seiner Geschichte. Die Vereinbarung läuft über zwei Jahre; ein wesentlicher Teil der Mittel soll unter anderem dem Frauenschach, inklusiven Angeboten und der Nachwuchsförderung zugutekommen.
Turlov sieht Verstoss gegen Wahlregeln
Genau hier setzt Turlovs Beschwerde an. Seine Seite argumentiert, damit sei eine ungewöhnliche Konstellation entstanden: Rosenstein sei gleichzeitig FIDE-Delegierter des DSB, vom DSB nominierter Präsidentschaftskandidat und bedeutender Sponsor desselben Verbandes, der bei der Wahl stimmberechtigt ist.

Nach Auffassung von Turlovs Anwälten verstösst dies gegen die FIDE-Wahlregeln. Sie argumentieren, dass während der Wahlperiode die Gewährung materieller Vorteile an einen stimmberechtigten Mitgliedsverband untersagt sei und es dabei nicht darauf ankomme, ob ausdrücklich eine Gegenleistung für die Unterstützung bei der Wahl vereinbart worden sei.
Turlov verlangt deshalb zwei weitreichende Konsequenzen: Rosenstein soll von der Präsidentschaftswahl ausgeschlossen und das Stimmrecht des Deutschen Schachbundes ausgesetzt werden. Dabei handelt es sich bislang um Forderungen der Turlov-Seite und nicht um Feststellungen der FIDE-Wahlkommission.
Turlov verweist auf einen Fall aus Serbien
In der Beschwerde wird zudem auf einen FIDE-Fall aus dem Jahr 2018 verwiesen. Damals beschäftigte sich die FIDE-Ethikkommission mit einer Sponsoringvereinbarung, die mit der Ernennung eines Delegierten und dessen Stimmrecht in Serbien verbunden war. Nach Darstellung der Turlov-Seite wurde der betreffende Delegierte für sechs Monate suspendiert und der serbische Verband zeitweise von der Teilnahme ausgeschlossen.
Turlovs Anwälte halten den aktuellen Fall sogar für unmittelbarer: Damals habe ein Sponsor hinter einem Delegierten gestanden, während nun der Sponsor selbst für das höchste Amt der FIDE kandidiere. Der Deutsche Schachbund wehrt sich
Der DSB weist die Vorwürfe entschieden zurück.

Nach Darstellung des Deutschen Schachbundes ist der Sponsoringvertrag nicht im Zusammenhang mit der FIDE-Präsidentschaftswahl entstanden. Rosenstein und WR Events unterstützten den Schachsport in Deutschland und international bereits seit Jahren.
Die neue Vereinbarung sei vielmehr die Fortsetzung und formale Erweiterung einer bereits bestehenden Zusammenarbeit. Der DSB erklärt zudem, dass die Gespräche über die Vereinbarung bereits Monate vor dem offiziellen Wahlzeitraum begonnen hätten.
Der Verband betont damit, dass zwischen dem Sponsoring und Rosensteins Kandidatur beziehungsweise dem Abstimmungsverhalten des DSB kein unzulässiger Zusammenhang bestehe. In seiner öffentlichen Stellungnahme geht der DSB noch weiter. Angesichts der Art und Häufigkeit der gegen ihn erhobenen Vorwürfe sieht er sich nach eigenen Angaben gezwungen, seine institutionelle Unabhängigkeit und Integrität zu verteidigen.
Damit stehen sich vor der Entscheidung der Wahlkommission zwei grundsätzlich unterschiedliche Interpretationen gegenüber. Nicht nur Rosenstein steht unter Beschuss Der Wahlkampf hat sich inzwischen zu einem juristischen Dreikampf entwickelt. Die FIDE bestätigte, dass Beschwerden aus allen drei Präsidentschaftslagern vorliegen.
OFFIZIELL KANDIDIEREN :
Jan Henric Büttner / Malcolm Pein Präsident / Deputy President
Wadim Rosenstein / Gordon Tang Präsident / Deputy President
Timur Turlov / Viswanathan Anand Präsident / Deputy President.

Auch gegen Turlov selbst wurden Beschwerden beziehungsweise Anträge zur Überprüfung seiner Kandidatur eingereicht.
Rosenstein stellt Turlovs Kandidatur infrage
Rosenstein hat die Wahlkommission unter anderem aufgefordert, Fragen zu Turlovs früherer russischer Staatsbürgerschaft und zu gegen ihn bestehenden ukrainischen Sanktionen zu prüfen.

Turlov, der in Moskau geboren wurde, erklärt, seine russische Staatsbürgerschaft am 27. September 2022 aufgegeben zu haben und heute ausschliesslich kasachischer Staatsbürger zu sein. Sein Team beruft sich dabei auf offizielle Dokumente, die nach seiner Darstellung sowohl die Beendigung der Staatsbürgerschaft als auch die Ungültigkeit seiner russischen Pässe bestätigen. Allein eine frühere russische Staatsbürgerschaft würde im Übrigen nicht automatisch bedeuten, dass ein Kandidat nicht für das FIDE-Präsidentenamt kandidieren darf. Rosenstein brachte ausserdem die ukrainischen Sanktionen gegen Turlov sowie weitere rechtliche und geschäftliche Fragen zur Sprache. Dazu gehört auch eine sogenannte Wells Notice der US-Börsenaufsicht SEC im Zusammenhang mit einer Untersuchung. Turlovs Seite weist darauf hin, dass daraus bislang weder eine gerichtliche Verurteilung noch eine entsprechende Sanktion gegen ihn hervorgegangen sei. Auch diese Punkte sind derzeit umstrittene Vorbringen im Wahlverfahren und keine Feststellungen über eine Unzulässigkeit von Turlovs Kandidatur.
Auch Büttner greift Turlov an
Der dritte Kandidat, der deutsche Unternehmer Jan Henric Büttner, hat ebenfalls die Wahlkommission eingeschaltet. Büttners Seite wirft unter anderem Fragen zum Verhältnis zwischen Turlovs Unternehmen Freedom Holding und der FIDE auf. Freedom Holding ist ein wichtiger Sponsor des Weltschachbundes. Zudem erhob Büttner den Vorwurf, dass FIDE-Personal oder FIDE-Ressourcen zugunsten von Turlovs Wahlkampf eingesetzt worden sein könnten.
Büttner beruft sich dabei auf Artikel 9.8 der FIDE-Wahlregeln, wonach FIDE-Ressourcen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden dürfen und die FIDE-Büros während der Wahl neutral bleiben sollen. Turlovs Wahlkampfteam bestreitet beziehungsweise bekämpft die gegen ihn erhobenen Vorwürfe.

Büttner(PHOTO) hat bereits erklärt, dass er notfalls auch den Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne anrufen könnte.
Turlov hatte Rosenstein schon zuvor angezeigt
Der aktuelle Streit um den Sponsoringvertrag ist zudem nicht die erste Beschwerde Turlovs gegen Rosenstein. Bereits am 11. August hatten Turlov und Anand eine Beschwerde gegen das Ticket Rosenstein/Tang eingereicht. Darin ging es um vier Punkte: angeblich ungültige Nominierungen, einen zu frühen Beginn des Wahlkampfs, nach Auffassung Turlovs unbegründete Anschuldigungen sowie angeblich diffamierende Aussagen aus Rosensteins Wahlkampflager. Bemerkenswert ist, dass Turlov damals ausdrücklich erklärte, er wolle Rosenstein damit nicht aus der Wahl entfernen lassen. Bei der neuen Beschwerde über den Sponsoringvertrag fordert seine Seite nun dagegen ausdrücklich dessen Ausschluss.
Entscheidung spätestens am 11. September
Damit liegt der Ball nun bei der FIDE Electoral Commission. Nach Angaben der FIDE sind zu den verschiedenen Beschwerden bereits rechtliche Stellungnahmen der betroffenen Seiten eingegangen. Bislang wurde jedoch keine endgültige Entscheidung veröffentlicht, wonach einer der drei Präsidentschaftskandidaten von der Wahl ausgeschlossen wäre. Für Beschwerden, welche die Wählbarkeit eines Präsidentschaftskandidaten betreffen, ist die Zeit knapp. Nach den FIDE-Wahlregeln muss eine endgültige Entscheidung darüber spätestens 15 Tage vor der Wahl mitgeteilt werden.
Da die Präsidentschaftswahl am 26. September stattfindet, ist der 11. September der entscheidende späteste Termin für eine solche Entscheidung. Turlovs Seite hatte in ihrer Eingabe eine Entscheidung bereits bis zum 10. September verlangt.
Gewählt wird am 26. September in Samarkand
Die Präsidentschaftswahl findet am 26. September 2026 in Samarkand (Usbekistan) im Rahmen der FIDE-Generalversammlung statt. Diese tagt am 26. und 27. September; der gesamte FIDE-Kongress läuft vom 20. bis 27. September. Jeder bei der Generalversammlung vertretene FIDE-Mitgliedsverband verfügt grundsätzlich über eine Stimme. Damit könnte die FIDE-Wahl 2026 bereits vor dem ersten abgegebenen Stimmzettel eine entscheidende Wendung nehmen. Im Mittelpunkt steht nicht mehr nur die Frage, wer die meisten Verbände hinter sich bringt, sondern zunächst, wie die Wahlkommission die gegenseitigen Beschwerden der drei Kandidaten beurteilt. Für Rosenstein ist die Frage besonders unmittelbar: Darf er auf dem Stimmzettel bleiben, und darf der Deutsche Schachbund seine Stimme abgeben? Und auch Turlov muss abwarten, wie die gegen seine eigene Kandidatur gerichteten Beschwerden beurteilt werden. Spätestens am 11. September dürfte zumindest bei den Fragen zur Wählbarkeit Klarheit herrschen.