„Das Spielen bringt mich zurück zum Schach“ Vishy Anand im Gespräch – Teil 1
Mit 56 Jahren gehört Viswanathan Anand noch immer zu den beliebtesten Persönlichkeiten des Spitzenschachs. Der fünffache Weltmeister aus Indien spricht im Podcast „Chess with Mustreader“ über seine heutige Rolle im Schach, die Auswahl seiner Turniere und darüber, warum er trotz eines deutlich reduzierten Programms nicht ganz auf das aktive Spielen verzichten will. Schachinfo.ch veröffentlicht das Gespräch in mehreren Teilen.
Gastgeber des Podcasts ist der 30-jährige Greg Mustreader, der aus Russland stammt und seit 2022 in Almaty, Kasachstan, lebt.
Mit 56 noch immer Weltklasse
Greg Mustreader: Vishy Anand, fünffacher Weltmeister, tritt mit 56 Jahren noch immer gegen die Weltelite an. Könnte er sogar noch einmal ins Rennen um den Titel einsteigen? Das Kandidatenturnier wäre tatsächlich eine verlockende Option. Wir haben über die Zukunft des Schachs gesprochen, darüber, ob der heutige Anand seine jüngere Version besiegen könnte, und warum er einst beinahe auf eine Funktion verzichtet hätte.

Greg Mustreader: Hallo Vishy. Vielen Dank, dass du heute bei mir bist.
Vishy Anand: Es ist mir eine Freude, Greg.
Greg Mustreader: Ich freue mich sehr auf unser Gespräch. Ich habe viele Fragen zu deiner grossartigen Karriere, zur Zukunft des Schachs und dazu, in welche Richtung sich unser Sport heute entwickelt. Also legen wir los.
Vishy Anand: Grossartig. Ich freue mich auf das Gespräch, Greg.
Welche Turniere Anand noch spielt
Greg Mustreader: Zunächst interessiert mich sehr, wie du heute deine Position in der Schachwelt siehst. Du gehörst immer noch zu den besten 15 Spielern der Welt und trittst offensichtlich weiterhin bei Turnieren an. Ausserdem hast du dir einen Platz beim Total Chess Championship gesichert, das, wenn ich mich nicht irre, in Budapest stattfinden wird. Wirst du dort spielen? Vishy Anand: Ich habe mich noch nicht entschieden, aber wahrscheinlich nicht.
Greg Mustreader: Wahrscheinlich nicht? Warum?
Vishy Anand: Ich glaube, darauf müsste ich mich noch vorbereiten, und im Moment wäre es wahrscheinlich etwas zu viel für mich. Ausserdem möchte ich mir die Veranstaltung zunächst einfach anschauen und sehen, wie sie funktioniert. Das hängt generell damit zusammen, wie ich mich heute in der Schachwelt sehe. Ich spiele bei Weitem nicht mehr so häufig wie früher. Natürlich habe ich inzwischen auch andere Rollen und Verpflichtungen übernommen. Im Moment wäre es wahrscheinlich etwas zu viel, wenn ich versuchen würde, an einem solchen Wettbewerb teilzunehmen. Ich brauche noch etwas Zeit, um wieder den richtigen Rhythmus zu finden. Deshalb werde ich dieses Mal wahrscheinlich darauf verzichten.
Greg Mustreader: Wie entscheidest du heute, welche Turniere du spielst? Ich weiss, dass dein Terminkalender unglaublich voll ist. Umso beeindruckender ist es, dass du weiterhin auf einem so hohen Niveau spielst und an grossen Veranstaltungen teilnimmst. Wie wählst du deine Turniere aus?
Vishy Anand: Ich suche mir einige Turniere aus, die mir gefallen. Zum Glück kann ich in der Global Chess League spielen, und das ist eine schöne Veranstaltung. Dann gibt es Kolkata, also das Tata Rapid and Blitz, das jeweils im Januar stattfindet. Ich glaube, der Plan ist, es weiterhin jedes Jahr im Januar auszutragen, und das passt mir sehr gut. Daneben spiele ich gelegentlich ein Rapidturnier. Im vergangenen Jahr habe ich in Hongkong gespielt, danach in London. Auch in Lyon war ich dabei. Ich spiele einige solcher Veranstaltungen und hin und wieder eine Partie in der Bundesliga. Viel mehr lässt sich eigentlich nur schwer in meinen Kalender einbauen, denn ich habe immer noch das Gefühl, dass ich mich auf jedes Turnier ernsthaft vorbereiten muss. Und das ist mit meinem Terminkalender und all den anderen Verpflichtungen nicht einfach. Aber diese Situation ist für mich keineswegs unnatürlich. Eigentlich wollte ich, dass es genau so kommt.
„Sonst vergisst man, wie es sich am Brett anfühlt“
Vishy Anand: Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich immer weniger spiele. Gleichzeitig wollte ich aber unbedingt weiterspielen. Denn sonst vergisst man etwas, das für einen Schachspieler von grundlegender Bedeutung ist: Wie fühlt es sich eigentlich an, am Schachbrett zu sitzen und eine Partie zu spielen? Wenn man dieses Gefühl verliert, kann man auch andere nicht richtig unterrichten. Selbst als Trainer oder Lehrer muss man meiner Meinung nach spielen. Nur so kann man sich in die Lage seines Schülers versetzen und verstehen, was er gerade durchmacht. Deshalb habe ich den Kontakt zum aktiven Schach nicht verloren. Auf diese Weise versuche ich, mit dem Spiel verbunden zu bleiben. Einige Turniere zu spielen, zwingt mich dazu, zum Schach zurückzukehren. Mich wieder intensiv mit dem Spiel zu beschäftigen. Natürlich sind meine Pausen zwischen den Turnieren heute länger. Ich spiele ziemlich selten – gelegentlich eine Partie in der Bundesliga. Dabei geht es nicht nur darum, meinen Elo-Wert zu halten. Das Spielen hilft mir vielmehr, mein schachliches Niveau auf einem bestimmten Stand zu bewahren. Mehr Zeit für Familie und Akademie
Vishy Anand: Ich habe meine Akademie. Dazu kommen andere Verpflichtungen. Und man darf eines nicht vergessen: Ich bin auch Vater. Ich versuche, mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Irgendwo im Hinterkopf habe ich immer das Gefühl, dass ich von Zeit zu Zeit noch mithalten kann. Aber möchte ich ein ganzes Jahr lang, Tag für Tag, gegen all diese unglaublich starken jungen Spieler antreten? Meine Antwort lautet eigentlich immer: Nein, das wäre zu viel. Ich möchte einfach genug spielen. Deshalb mag ich gelegentliche Einladungsturniere oder ähnliche Veranstaltungen. Ich geniesse es, wenn ich spielen kann. Aber seit einigen Jahren bin ich kein professioneller Schachspieler mehr im eigentlichen Sinne.