Schach als kognitives Training
Zwei Pilotstudien zeigen positive Effekte von Schachtraining auf Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Lebensqualität. Die Forscher betonen jedoch: Schach ist kein Ersatz für eine Behandlung, sondern kann sie sinnvoll ergänzen.
Schach ist weit mehr als ein intellektuelles Spiel. Zwei neue wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass gezieltes Schachtraining auch in der psychiatrischen und suchtmedizinischen Rehabilitation von Nutzen sein könnte. Untersucht wurden Menschen mit Alkoholabhängigkeit sowie Jugendliche, die psychiatrisch behandelt werden.
Die Ergebnisse erschienen in den Fachzeitschriften „Neuropsychological Rehabilitation“ und „Clinical Child Psychology and Psychiatry“. Im Mittelpunkt stand dabei nicht das gewöhnliche Schachspiel und auch nicht der sportliche Wettbewerb. Stattdessen wurden gezielt Fähigkeiten wie Konzentration, Arbeitsgedächtnis, Planung und Problemlösung trainiert.
Die Partie, bei der das Gewinnen nicht zählt
Die Teilnehmer mussten beispielsweise Stellungen auf dem Schachbrett einprägen und anschliessend rekonstruieren. Andere Aufgaben verlangten, mehrere Informationen gleichzeitig im Gedächtnis zu behalten, Varianten zu planen und die Folgen verschiedener Entscheidungen abzuschätzen.

Gerade diese Kombination macht Schach aus Sicht der Wissenschaft interessant: Während einer Partie werden Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Planung, Problemlösung und Impulskontrolle gleichzeitig beansprucht. Sabine Vollstädt-Klein, Leiterin der Forschungsgruppe, erklärt: „Unser Ziel ist es, Therapieprogramme zu entwickeln, die für den Alltag relevant sind und bestehende Behandlungsmethoden wirksam ergänzen. Schach bietet dabei interessante Möglichkeiten, weil es gleichzeitig eine Vielzahl kognitiver Funktionen beansprucht.“
Positive Ergebnisse bei Alkoholabhängigkeit
An der ersten Untersuchung nahmen Menschen mit Alkoholabhängigkeit teil, die weiterhin ihre reguläre Behandlung erhielten. Zusätzlich absolvierten sie ein strukturiertes Programm mit schachbezogenen kognitiven Übungen. Nach dem Training zeigten die Teilnehmer eine bessere Aufmerksamkeitsleistung als die Kontrollgruppe. Gleichzeitig berichteten sie über eine höhere Lebensqualität. Auch die soziale Komponente spielte offenbar eine Rolle. Das Training in der Gruppe förderte Kommunikation und soziale Kontakte während der Rehabilitation. Die Teilnehmer bewerteten das Programm überwiegend positiv. Ihre Bereitschaft, es anderen zu empfehlen, blieb auch drei Monate nach Abschluss der Untersuchung erhöht.
Verbesserungen auch bei Jugendlichen
Die zweite Studie untersuchte Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren, die in psychiatrischen Einrichtungen behandelt wurden. Sechs Wochen lang nahmen sie zusätzlich an einem kognitiven Schachtraining teil.

Auch hier stellten die Forscher positive Veränderungen fest. Insbesondere das Arbeitsgedächtnis verbesserte sich. Die Jugendlichen berichteten zudem über ein höheres psychisches Wohlbefinden und eine bessere Lebensqualität als die Teilnehmer der Kontrollgruppe.
Die Wissenschaftler mahnen jedoch zur Vorsicht: Bei beiden Untersuchungen handelt es sich um Pilotstudien. Grössere Studien und längere Beobachtungszeiträume sind notwendig, bevor allgemeingültige Schlussfolgerungen gezogen werden können.
Warum Schach das Gehirn fordert
Die möglichen positiven Wirkungen sind durchaus nachvollziehbar. Beim Schach müssen ständig Informationen gespeichert und verarbeitet, Pläne entwickelt, Entscheidungen getroffen und Konsequenzen vorausberechnet werden.

Frühere Untersuchungen lieferten bereits Hinweise auf ähnliche Effekte. In einer Pilotstudie mit älteren Menschen war ein zwölfwöchiges Schachprogramm unter anderem mit Verbesserungen bei Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung und exekutiven Funktionen sowie einer höheren Lebensqualität verbunden.
Hinzu kommt die soziale Seite des Spiels. Schach kann gemeinsam gespielt, analysiert und diskutiert werden. Gerade in der Studie mit alkoholabhängigen Teilnehmern gingen die Gruppensitzungen mit einer Verbesserung der Kommunikation und sozialen Interaktion einher.
Ergänzung, nicht Ersatz für eine Therapie
Die Forscher betonen ausdrücklich, dass Schach Psychotherapie, medizinische Behandlung oder andere etablierte Therapieformen nicht ersetzen soll. Vielmehr könnte strukturiertes Schachtraining künftig als ergänzendes Instrument eingesetzt werden. Bemerkenswert ist, dass bei zwei sehr unterschiedlichen Gruppen positive Veränderungen der Lebensqualität beobachtet wurden. Weitere Untersuchungen sollen nun klären, welche Patientengruppen besonders von einem solchen Training profitieren und wie sich Schach sinnvoll in bestehende Behandlungs- und Rehabilitationsprogramme integrieren lässt. Sollten sich die ersten Ergebnisse in grösseren Studien bestätigen, könnte das Schachbrett künftig nicht nur im Turniersaal, im Verein oder in der Schule seinen Platz haben – sondern auch als ergänzendes Instrument in Therapie und Rehabilitation.
Quelle: Nach einem Bericht der russischen Zeitung Iswestija; Studien veröffentlicht in Neuropsychological Rehabilitation und Clinical Child Psychology and Psychiatry.