Carlsen ganz persönlich:”Manchmal wünschte ich, niemand würde mich kennen“
Magnus Carlsen hat Lettland besucht und in Riga eine Ausstellung über seine aussergewöhnliche Schachkarriere eröffnet. Der fünffache Weltmeister sprach bei seinem Aufenthalt aber auch ungewöhnlich offen über Motivation, seinen veränderten Spielstil und die Schattenseiten seiner weltweiten Bekanntheit.
Im Mittelpunkt des Besuchs stand eine Carlsen-Ausstellung im Kunstmuseum Zuzeum in Riga. Zu sehen sind Erinnerungsstücke aus seiner Kindheit sowie Trophäen und Auszeichnungen aus seiner Karriere. Dazu gehört auch die Ehrung, die Carlsen 2024 anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Weltschachbundes FIDE erhielt.
Eine Karriere in Erinnerungsstücken und Trophäen
Die Ausstellung zeichnet damit den Weg des Norwegers vom aussergewöhnlichen Schachtalent zum Weltmeister und langjährigen Weltranglistenersten nach. Carlsen steht seit Juli 2011 ununterbrochen an der Spitze der Weltrangliste; seine historische Bestmarke von 2882 Elo ist bis heute unerreicht.

Sein Aufenthalt in Lettland beschränkte sich jedoch nicht auf die Ausstellung. In Riga trat Carlsen auch in Schaupartien gegen vier lettische Schachspieler an. Besonders bemerkenswert war der Auftritt der erst neunjährigen Agate Ivulāne, die dem Superstar am längsten Widerstand leistete. Nach der Partie erzählte sie, Carlsen habe gegen sie eher positionell gespielt, die Damen getauscht und anschliessend den Druck kontinuierlich erhöht. Carlsen versuchte sich während seines Aufenthalts auch im Golf. Die Bedingungen waren offenbar alles andere als einfach: „Es war sehr windig und nicht einfach, aber der Ort ist wunderschön.“
„Ich spiele einfach gerne....“
In einem Interview mit dem lettischen Fernsehen sprach Carlsen ausführlich darüber, was ihn nach all den Erfolgen überhaupt noch antreibt. „Ich spiele gerne. Wenn ich spiele, kann die Motivation manchmal etwas kommen und gehen, aber meine wichtigste Motivation ist einfach, dass ich gerne spiele.“ Konkrete langfristige Ziele habe er inzwischen kaum noch. Vielmehr konzentriere er sich auf die nächste Aufgabe: „Wenn wir über konkrete Ziele sprechen, habe ich eigentlich keine. Vielleicht versuche ich einfach, das zu gewinnen, was unmittelbar vor mir liegt. Aber ich gebe zu, dass meine Motivation manchmal steigt und manchmal sinkt.“ Für Carlsen ist das kein Problem. Er habe akzeptiert, dass selbst eine aussergewöhnlich lange Zeit an der Weltspitze irgendwann zu Ende gehen werde. „Es gibt Menschen, die unermüdlich danach streben, sehr lange an der Spitze zu bleiben. Bei mir ist das ein wenig anders. Mir gefällt die Situation, in der ich mich jetzt befinde, aber ich verstehe, dass sie nicht ewig dauern wird – und das ist für mich völlig in Ordnung.“ Carlsen über seinen veränderten Spielstil Interessant waren auch seine Aussagen zur schachlichen Entwicklung. Als junger Spieler habe er gegen immer stärkere Gegner zunächst teilweise zu aggressiv agiert. „Im Laufe meiner Karriere, als ich versucht habe, ein neues Niveau zu erreichen und gegen immer stärkere Gegner spielte, war ich anfangs wahrscheinlich zu aggressiv. Später passt man sich an und ist gezwungen, manche Dinge etwas anders zu machen.“
Diese Entwicklung habe auch sein Spiel auf höchstem Niveau verändert.
„Das ist zweifellos auch mir passiert. Ich habe gelernt, Partien auf eine etwas andere Weise zu gewinnen. Ich denke, mein Stil hat sich tatsächlich verändert. Seine Grundlage ist aber weiterhin das technische Spiel, das ich gegen Ende meiner Teenagerjahre entwickelt habe.“
Der Preis des Ruhms
Persönlich wurde das Gespräch, als Carlsen gefragt wurde, ob er sich selbst als eine Art „Rockstar des Schachs“ betrachte. „So würde ich es nicht ausdrücken. Ich führe ein ziemlich normales Leben – abgesehen davon, dass ich weniger Privatsphäre habe als viele andere Menschen.“ Dann formulierte Carlsen bemerkenswert offen, wie sehr ihn die ständige öffentliche Aufmerksamkeit manchmal belastet: „Wenn ich einfach einen Schalter drücken und dafür sorgen könnte, dass niemand weiss, wer ich bin, würde ich das sofort tun. Aber das ist natürlich eine Folge des Erfolgs in meinem Bereich. Ich verstehe, dass man nicht alles haben kann.“
Die Auswirkungen seiner Bekanntheit beträfen inzwischen nicht nur ihn selbst: „Das gilt offensichtlich auch für meine Familie. Sie haben sich nicht ausgesucht, ebenfalls von den Menschen erkannt zu werden.“ Carlsen relativierte seine Situation zwar, machte aber deutlich, dass Popularität für ihn auch einen Verlust persönlicher Freiheit bedeutet. „Ich weiss, dass die Situation für viele Menschen viel schlimmer ist. Aber ein gewisser Verlust an Freiheit ist hier definitiv vorhanden.“ So zeigte der Besuch in Riga zwei Seiten des Magnus Carlsen: den erfolgreichsten Schachspieler seiner Generation, dessen Karriere inzwischen Gegenstand einer Ausstellung ist – und den Menschen hinter dem Superstar, der sich manchmal nichts sehnlicher wünscht, als unerkannt zu bleiben.