Nakamura: „DIESE ÄNDERUNG IST PURER WAHNSINN“

Will die FIDE Magnus Carlsen zurückholen?

Der amerikanische Spitzengrossmeister Hikaru Nakamura hat sich ausführlich zu den von der FIDE angekündigten Änderungen im Weltmeisterschaftszyklus geäussert. Im Mittelpunkt seiner Kritik steht das neue Format des FIDE World Cup, das nach seiner Ansicht eines der erfolgreichsten Turniere des Weltschachs grundlegend verändert.

Für die Leser von schachinfo.ch veröffentlichen wir seine Aussagen in voller Länge.

„Das ist eine gewaltige Veränderung. Traditionell war der World Cup ein reines K.-o.-Turnier. Vergleichen wir das mit Tennis: Dort bleibt das Format immer gleich – 64 Spieler, dann 32, 16, 8, Viertelfinale und schliesslich der Sieger. Jahrzehntelang funktionierte auch der World Cup nach diesem Prinzip. Ich erinnere mich an den ersten World Cup, den ich verfolgt habe – das müsste um das Jahr 2000 in Las Vegas gewesen sein. Nun hat die FIDE dieses Konzept praktisch völlig zerschlagen. Statt eines klassischen K.-o.-Systems gibt es nun vier Schweizer Gruppen, aus denen jeweils vier Spieler in die K.-o.-Phase aufsteigen. Meiner Meinung nach ist das Wahnsinn. Mir gefällt diese Änderung überhaupt nicht – und zwar aus mehreren Gründen. Zunächst einmal geht damit ein Stück Geschichte verloren. Gerade der bisherige Modus sorgte immer wieder für grosse Überraschungen und echte Cinderella-Geschichten. Beim letzten World Cup besiegte der Italiener Lorenzo Lodici Hans Niemann und mehrere weitere Spitzenspieler. Zuvor hatten wir mit Nijat Abassov eine ähnliche Sensation erlebt. Genau solche Geschichten machten den Reiz des Turniers aus. Spieler, von denen niemand Grosses erwartete, konnten plötzlich ganz weit kommen. Ich verstehe diese Änderung überhaupt nicht. Es wirkt so, als würde die FIDE ihr bestes Turnier mutwillig zerstören. Genau so sehe ich das. Ich hasse diese Idee, denn für niedriger gesetzte Spieler wird es künftig viel schwieriger sein, das Achtelfinale zu erreichen.

„Die FIDE zerstört den World Cup“

Hinzu kommt noch etwas anderes: Man kann nicht mitten im Turnier das Format wechseln. Zunächst spielt man praktisch ein Rapidturnier, danach plötzlich klassische Partien. Das ist eine furchtbare Idee. Man nimmt eine Veranstaltung, die die Menschen wirklich geliebt haben, und verschlechtert sie ohne jeden nachvollziehbaren Grund. Was die Bedenkzeit betrifft, möchte ich ganz deutlich sein: Partien mit 45 Minuten plus 30 Sekunden pro Zug sind kein klassisches Schach – und werden es auch niemals sein. Ich werde das niemals unterstützen. Ich weiss nicht, ob das Ziel darin besteht, Magnus Carlsen zur Rückkehr zu bewegen oder was auch immer die FIDE damit erreichen möchte, aber mir gefällt das überhaupt nicht.

„Warum ändert die FIDE alles?“

Wenn ihr schon die Formate ändern wollt und 45+30 künftig als Standard gelten soll, dann zieht es konsequent durch. Ändert das Kandidatenturnier, ändert den Weltmeisterschaftskampf – macht alles zum Schnellschach. Manche werden sagen: ‚Du bist doch selbst ein Verfechter des Schnellschachs – warum bist du jetzt dagegen?‘ Aber darum geht es gar nicht. Das Problem ist, dass man etwas, das zwischen klassischem Schach und Rapid liegt, nicht einfach als klassisches Schach bezeichnen kann. Das werde ich niemals akzeptieren. Die Verkürzung des Turniers um sieben Tage hat meiner Meinung nach einen ganz einfachen Hintergrund. Wenn man zwischen den Zeilen liest, erkennt man, dass ein einmonatiges Turnier schlicht zu teuer geworden ist. Hunderte Hotelzimmer, Logistik und Organisation müssen bezahlt werden, obwohl am Ende nur noch wenige Spieler übrig sind. Für mich ist das in erster Linie ein Sparprogramm der FIDE. Das Argument, ein Monat Schach sei für die Spieler zu anstrengend, überzeugt mich überhaupt nicht. Fragt Hans Niemann, ob er bereit wäre, einen Monat lang jeden Tag zu spielen, wenn er dadurch die Chance hätte, sich für das Kandidatenturnier oder sogar für den Weltmeisterschaftskampf zu qualifizieren. Seine Antwort wäre ohne jeden Zweifel: Ja. Ich glaube, die meisten Spieler würden genauso antworten. Das ist ein völlig angemessenes Opfer. Und wenn die FIDE behauptet, es werde immer schwieriger, den World Cup im internationalen Turnierkalender unterzubringen, dann ist das für mich schlicht organisatorisches Versagen – und ehrlich gesagt eine Schande. Schaut euch die NBA an: Dort müssen Hallen, Konzerte und unzählige andere Termine koordiniert werden, und trotzdem funktioniert der Spielplan. Im Schach sprechen wir von vielleicht zwanzig bedeutenden Turnieren im Jahr – und angeblich soll es unmöglich sein, diese sinnvoll zu koordinieren? Das glaube ich einfach nicht. Wenn ich überhaupt etwas Positives an den Änderungen finden soll, dann die Tatsache, dass künftig mehr Spieler teilnehmen können und dass das Preisgeld erhöht wurde. Und noch ein Wort zu Magnus Carlsen, weil manche behaupten, gerade er habe sich über zu lange Partien beschwert. Objektiv betrachtet ist Magnus immer noch der beste Schachspieler der Welt. Aber selbst wenn alles optimal läuft, wird er vielleicht noch drei Jahre die Nummer eins bleiben – und das ist bereits grosszügig geschätzt.

Nakamura: „45+30 ist kein klassisches Schach“

Wenn er eines Tages nicht mehr der Beste ist, bleibt euch ein 45+30-Format, der grösste Marketingmagnet ist nicht mehr dabei, und die kürzeren Partien, die eigentlich niemand verlangt hat, werden auch keine zusätzlichen Zuschauer bringen. Mit anderen Worten: Man richtet sich ohne jeden vernünftigen Grund selbst Schaden an – obwohl das bisherige System hervorragend funktioniert hat.“

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