Der erfahrene Schachfunktionär Kirsan Iljumschinow hat in einem ausführlichen Interview mit der russischen Zeitung „SE“ erklärt, warum er seine angekündigte Kandidatur für das Amt des FIDE- Präsidenten im letzten Moment zurückgezogen hat. Gleichzeitig verkündete der frühere FIDE-Präsident seinen vollständigen Rückzug aus dem Schach.
„Seit dem 27. Juli ist meine Schachkarriere beendet“
– Für viele kam Ihre Entscheidung, doch nicht für das Präsidentenamt zu kandidieren, völlig überraschend. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Kirsan Iljumschinow: Zunächst möchte ich sagen, dass ich am 27. Juli 2026 meine Karriere im Schach beendet habe. Ich stelle das Projekt der Internationalen Vereinigung der Schachfreunde ein und beende auch alle anderen Aktivitäten in diesem Sport, den ich liebe. Das war es. Wie man sagt: Alles hat seine Zeit. In diesem Jahr bin ich 64 Jahre alt geworden. Ein Schachbrett hat 64 Felder. Vom ersten Feld an – als mir mein Grossvater, ein Veteran des Grossen Vaterländischen Krieges, im Alter von fünf Jahren das Schachspielen beibrachte – bis zum heutigen, dem 64. Feld, habe ich den gesamten Weg zurückgelegt. Jetzt ist es Zeit, auf ein anderes Feld zu wechseln. Natürlich bin ich dem Schach dankbar. Es hat mir die Welt eröffnet und mir ermöglicht, bestimmte Höhen zu erreichen. Das Wichtigste aber ist, dass mir das Schach die Möglichkeit gegeben hat, Bobby Fischer persönlich kennenzulernen – eine Legende, eine Gottheit des Schachs. Ich habe sogar vier Partien gegen den elften Weltmeister gespielt, ihm die Schulden der Sowjetunion in Höhe von 100.000 Dollar zurückgezahlt und Michail Botwinnik, Boris Spasski, Wassili Smyslow und Nona Gaprindaschwili kennengelernt und mich mit ihnen angefreundet. So wie Pelé nach dem Ende seiner Karriere den Fussball weggelegt hat, habe auch ich meine Schachspiele ausser Sichtweite in den hintersten Schrank geräumt. Übrigens hatte ich auch die Gelegenheit, mit Pelé Schach zu spielen und ein Interview mit ihm zu führen. Ebenso mit Papst Johannes Paul II. und vielen anderen Persönlichkeiten.
„Mit den drei Kandidaten bin ich nicht in derselben Gewichtsklasse“
– Aber warum dieser so radikale Kurswechsel? Noch vor sieben Tagen sagten Sie, Sie seien bereit, die Schachwelt wieder zu vereinen.
Iljumschinow: Dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst habe ich mir die Menschen genau angesehen, gegen die ich hätte antreten sollen. Zweifellos sind es angesehene Persönlichkeiten: Wadim Rosenstein, Timur Turlov und Jan Henric Buettner. Aber wir befinden uns trotzdem nicht in derselben Gewichtsklasse. 2014 habe ich bei der Wahl den 13. Weltmeister Garri Kasparow besiegt, vier Jahre zuvor in Chanty-Mansijsk den 12. Weltmeister Anatoli Karpow. 2006 habe ich den Multimillionär Bessel Kok geschlagen. Nach solchen Siegen wäre es nicht ganz richtig, bei einer Wahl gegen Menschen anzutreten, die sich erst seit einigen Jahren ernsthaft mit Schach beschäftigen. Deshalb habe ich beschlossen, nicht gegen sie anzutreten. Gleichzeitig respektiere ich sie. Danke, dass sie in den Sport investieren, jungen Spielern helfen und dem Schach dienen. Ich wünsche ihnen viel Glück. Über Schach spreche ich nicht mehr. Jeden Tag erhalte ich Einladungen zu verschiedenen Turnieren. Mein E-Mail-Postfach ist buchstäblich voll davon. In vielen Ländern glaubt man immer noch, ich sei FIDE-Präsident – von China bis Australien. Jetzt ist die Zeit gekommen, einen neuen Abschnitt zu beginnen. Welchen, kann ich noch nicht sagen. Das Wichtigste ist, dass ich die Schachwelt vereinigt habe, als es mir 2006 gelang, Wladimir Kramnik davon zu überzeugen, den Vereinigungskampf gegen Wesselin Topalow zu spielen. Ausserdem erreichte ich 1999 die Anerkennung des Schachs als Sport durch das Internationale Olympische Komite.
„Gegen mich begannen Intrigen und kleine Schikanen“
– Sie sagten „zunächst“. Was war der zweite Grund?
Iljumschinow: Erinnern Sie sich daran, dass ich von vier Hauptzielen gesprochen habe: Schach in das olympische Programm zu bringen, den besten Spieler der Welt Magnus Carlsen wieder in den Kampf um den Weltmeistertitel zurückzuholen, die Politik aus dem Rahmen eines internationalen Sportverbandes herauszuhalten, die Diskriminierung von Schachspielern aufgrund ihrer Nationalität zu beenden und langfristige Sponsorenverträge mit den grössten multinationalen Unternehmen der Welt abzuschliessen. Offenbar hat das bestimmten Leuten nicht gefallen. In den letzten zwei oder drei Tagen vor Ablauf der Kandidaturfrist begannen gegen mich Intrigen und kleine Schikanen. Da fragte ich mich: Besteht das ganze Leben nur aus Schach? Was getan werden konnte, habe ich getan und bewiesen. Für meine Arbeit als FIDE-Präsident muss ich mich nicht schämen.
– Wann haben Sie endgültig entschieden, Ihre Kandidatur zurückzuziehen?
Iljumschinow: Am Sonntag, dem 26. Juli. Ich habe lange darüber nachgedacht. Die Erklärung war bereits vorbereitet, und viele Länder unterstützten mich. Dafür bin ich ihnen dankbar. Vor buchstäblich einer Stunde hatte ich noch eine Besprechung mit meinem Team. Alle haben meine Entscheidung mit Verständnis aufgenommen.
– Hatte die Wahlkommission irgendwelche Fragen bezüglich Ihrer Kandidatur?
Iljumschinow: Nein. Ich habe meine Kandidatur gar nicht eingereicht. Es gab keinerlei Probleme. Irgendwann muss man einfach wissen, wann es Zeit ist zu gehen. Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, sagte, dass ein Mensch einen Tempel in sich selbst errichten müsse. Oder ich erinnere mich an ein Gespräch mit Bobby Fischer im Dezember 1995 in Budapest. Ich fragte ihn: „Bobby, warum bist du nicht beim Schach geblieben?“ Er antwortete: „Ich habe alles erreicht, es interessiert mich nicht mehr. Ich habe alle besiegt.“
Bei mir hat sich eine ähnliche Situation entwickelt. Deshalb tut es mir einerseits leid zu gehen, andererseits ist meine Seele ruhig und froh. Ich habe eine alte Last abgelegt und gehe weiter zu neuen Siegen. Man bietet mir bereits an, die Führung anderer internationaler Verbände zu übernehmen. Allein heute habe ich mehrere Anrufe bekommen (lacht).
„Wir haben es selbst so weit kommen lassen“
– Steht Ihnen einer der drei verbliebenen Kandidaten für das FIDE-Präsidentenamt besonders nahe?
Iljumschinow: Ich werde denjenigen unterstützen, der Schach wirklich liebt. Nicht wegen einer Karriere oder irgendeines persönlichen Vorteils. Ich habe rund 100 Millionen Dollar aus eigenen Mitteln und aus Mitteln meiner Freunde in das Schach investiert. Einfach deshalb, weil ich dieses Spiel liebe.
– Zum ersten Mal seit 31 Jahren wird die FIDE nicht von einem russischen Funktionär geführt. Geht damit eine Ära zu Ende?
Iljumschinow: Nun, wie soll ich sagen … Wir haben es selbst so weit kommen lassen. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Man hätte, wie im Schach, alle Züge im Voraus berechnen müssen. Als ich FIDE-Präsident war, wurde alles ausschliesslich innerhalb der Organisation geregelt. Kein Land war politischen Sanktionen ausgesetzt, obwohl die geopolitische Lage damals keineswegs einfacher war als heute. Ich habe in einem früheren Interview bereits über Libyen und den Irak gesprochen. Gegen den Irak gab es sogar Sanktionen der Vereinten Nationen. Trotzdem konnte ich im Dialog den Standpunkt verteidigen, dass der Sport ausserhalb der Politik stehen muss. Jetzt ist all das zusammengebrochen. Russland wurde für drei Jahre suspendiert. Wladimir Kramnik wurde für ein Jahr disqualifiziert – meiner Meinung nach aufgrund völlig erfundener Anschuldigungen. Offen gesagt verstehe ich nicht, was passiert. Aber das ist nicht mehr meine Geschichte.
– Hätten Sie in der heutigen Situation all diese Probleme lösen können?
Iljumschinow: Ich wollte im weiteren Sinne helfen. Ich brauche von der FIDE nichts – kein Gehalt, kein Amt und keinen Status. Ich wollte lediglich meine Erfahrung einbringen. Ich weiss, wie Schach olympische Sportart werden kann. Ich weiss, wie man Diskriminierung beendet und wie man innerhalb der Organisation zu Vereinbarungen kommt. Ich weiss, wie man Magnus Carlsen dafür interessieren kann, wieder um den Weltmeistertitel zu kämpfen. Stattdessen begann man, mich in kleinliche Machtkämpfe hineinzuziehen. Warum brauche ich das? Ich bin ein freier Mensch.

Foto: Getty Images Foto: Getty Images / Tatjana Dorogutina / Alexander Fjodorow („SE“)
Quelle: Interview von Timur Ganejew, „SE“