Ende der Ära Dworkowitsch: FIDE AM SCHEIDEWEG

Von Wladimir Kramnik

Der 14. Schachweltmeister Wladimir Kramnik zieht eine kritische Bilanz der Amtszeit von FIDE-präsident Arkady Dworkowitsch. Nach Ansicht Kramniks befindet sich der Weltschachbund in einer tiefen Reputations-, Finanz- und Führungskrise. Gleichzeitig hofft er, dass die bevorstehende Wahl eines neuen Präsidenten die Chance für einen grundlegenden Neuanfang bietet.

Das unrühmliche, aber erwartbare Ende der Amtszeit des FIDE-Präsidenten kam zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Organisation in einer Reputations-, Finanz- und Führungskrise befindet. Ich muss betonen, dass Arkady Dworkowitsch aufrichtig viel Zeit und Mühe in die Ausübung dieses Amtes investiert hat. Leider führte eine Reihe schwerwiegender Führungsfehler – die Auswahl eines inkompetenten Teams, das Fehlen einer strategischen Vision, die ständigen vergeblichen Versuche, ‚auf zwei Stühlen gleichzeitig zu sitzen‘, eine übermässige Abhängigkeit von der ‚öffentlichen Meinung‘ sowie das permanente ‚Stopfen finanzieller Löcher‘ unter praktisch allen von Sponsoren gestellten Bedingungen – zu einem Verlust an Autorität und Einfluss der Organisation in der Schachwelt. Die grosse Führungskrise innerhalb der FIDE wurde bereits vor einigen Jahren besonders deutlich und hat sich seitdem nur weiter verschärft. Dies wiederum führte zu weiteren Fehlentscheidungen einer nicht ausreichend kompetenten Führung und schuf einen regelrechten Teufelskreis. Es war nicht schwer vorherzusehen, wie dies enden würde. Vor eineinhalb Jahren habe ich Arkady Dworkowitsch in einem persönlichen Gespräch gewarnt. Ich forderte ihn auf, mit den ständigen Kompromissen aufzuhören und dringend damit zu beginnen, klare und entschlossene Entscheidungen zu treffen. Andernfalls drohe der Organisation in naher Zukunft ein vollständiger Verlust ihrer Autorität und ihres Einflusses. Leider zog es der FIDE-Präsident vor, auf zahlreiche ‚Freunde‘ zu hören, die ihm ein wesentlich schöneres Bild der Realität vermittelten. Die Entwicklung erreichte ihren Höhepunkt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt – wie es in solchen Situationen häufig geschieht – und führte die ohnehin schwierige Lage innerhalb der FIDE in ein, wie ich hoffe, nur vorübergehendes Chaos. Obwohl eine solche Entwicklung sehr wahrscheinlich war, traf sie die Schachwelt dennoch unvorbereitet. In den vergangenen Jahren hat die Schachöffentlichkeit beinahe aufgehört, zwischen der Realität und konstruierten Narrativen zu unterscheiden, die von bestimmten Strukturen verbreitet werden, welche praktisch vor den Augen der FIDE die Kontrolle über die Schachmedien übernommen haben. Es ist schwer vorherzusagen, was als Nächstes geschehen wird, wer neuer Präsident wird und ob diese Person damit beginnen wird, die Autorität und den Einfluss der FIDE wiederherzustellen – oder ob sie die Politik fortsetzen wird, den Interessen grosser, teilweise sehr fragwürdiger Finanzstrukturen entgegenzukommen. Doch Veränderungen im ‚Staate Dänemark‘ sind längst überfällig. Ich hoffe, dass es dem neuen FIDE-Präsidenten gelingen wird, die Situation zu verbessern und der Organisation wieder jene führende Stellung in der Schachwelt zu verschaffen, die ihr ihrem Wesen nach zusteht.“

Wladimir Kramnik, 14. Schachweltmeister

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