Cheating im Schach: DAS „TOILETTEN -GAMBIT“


Eine neue Serie von SCHACHINFO.CH über Betrug im Schach – spektakuläre Fälle, neue Methoden und die schwierige Suche nach der Wahrheit.


Cheating im Schach: Das „Toiletten-Gambit“

Der spanische Grossmeister Francisco „Paco“ Vallejo Pons hat vor kurzem sein Buch „Fuera del tablero“ („Ausserhalb des Schachbretts“) veröffentlicht. Darin schildert er seine Erfahrungen mit Betrugsfällen im Schach und beschreibt, wie moderne Technik das Problem des Cheatings grundlegend verändert hat.

Mit der technologischen Entwicklung haben auch die Betrugsmöglichkeiten im Schach stark zugenommen. Heute gibt es kaum noch ein bedeutendes Open oder Rundenturnier, bei dem die Schiedsrichter nicht mit Metalldetektoren oder Geräten zum Aufspüren elektronischer Hilfsmittel arbeiten. Doch selbst diese Kontrollen reichen häufig nicht aus. Oft sind es die betroffenen Spieler selbst, die als Erste Verdacht schöpfen.

enter image description here

Vallejo schreibt:

„Im Laufe meiner Karriere bin ich überzeugt, dass gegen mich fünfmal betrogen wurde. Meist brauche ich keine Beweise. Es genügt mir zu sehen, wie mein Gegner spielt und wie viel Zeit er ausserhalb des Spielsaals verbringt. Drei dieser Spieler wurden später tatsächlich überführt. Der jüngste und am besten dokumentierte Fall ereignete sich 2024 bei der Spanischen Mannschaftsmeisterschaft in Melilla.

Dort traf Vallejo in der zweiten Runde auf den ukrainischen Grossmeister Kirill Schewtschenko. Auffällig war, dass sein Gegner ungewöhnlich oft und ungewöhnlich lange die Toilette aufsuchte. Für sich allein wäre dies kein Beweis gewesen, doch Vallejo, der seit Jahrzehnten das Verhalten seiner Gegner ebenso aufmerksam beobachtet wie die Stellung auf dem Brett, schöpfte Verdacht und informierte den Hauptschiedsrichter.

Dieser liess die Toiletten kontrollieren.

In einer Kabine wurde ein neues Mobiltelefon entdeckt, das zusammen mit einem handschriftlichen Zettel versteckt war. Darauf stand die Bitte, das Gerät nicht zu berühren. Bereits am Vortag war an derselben Stelle ein weiteres identisches Handy gefunden worden. Zusammen mit weiteren Indizien ergab sich nach Angaben der Organisatoren eine nahezu eindeutige Beweislage.

Die Affäre sorgte international für großes Aufsehen. Schewtschenko wurde vom Turnier ausgeschlossen, seine bisherigen Ergebnisse – darunter ein Remis und der Sieg gegen Vallejo – wurden annulliert und als Niederlagen gewertet. Wenige Monate später verhängte die FIDE-Disziplinarkommission eine dreijährige Sperre für alle internationalen Wettbewerbe.

Für Vallejo bestätigt der Fall von Melilla eine Entwicklung, die er seit Jahren beobachtet: „In einer Welt, in der praktisch jedes elektronische Gerät besser Schach spielt als der beste Mensch, ist Betrug keine Ausnahme mehr, sondern eine natürliche Folge der technischen Entwicklung.“

Weiter schreibt er: „Sobald irgendein Gerät stärker spielt als ein Mensch, ist das so, als sässe im Haus gegenüber jemand, der Ihnen ständig Signale schickt. Betrug zu kontrollieren, ist ausserordentlich schwierig. Spitzenspieler werden dieses Risiko kaum eingehen – wer bereits eine erfolgreiche Karriere hat, setzt sie nicht leichtfertig aufs Spiel. Doch auf dem Weg an die Spitze gibt es viele, die bereit sind, alles zu versuchen.“

Das sogenannte „Toiletten-Gambit“ ist damit zu einem der bekanntesten Cheating-Fälle der jüngeren Schachgeschichte geworden und zeigt eindrucksvoll, vor welchen Herausforderungen der Turnierschachbetrieb im digitalen Zeitalter steht.

Ähnliche Beiträge