Vincent Keymer: „IM SPITZENSCHACH VERLÄUFT FORM IN PHASEN“

Der deutsche Grossmeister Vincent Keymer (22) hat sich zum bevorstehenden Weltmeisterschaftskampf zwischen dem amtierenden Weltmeister Gukesh Dommaraju aus Indien und dem usbekischen Herausforderer Javokhir Sindarov geäussert.

Ich würde die Chancen bei 50:50 sehen. Natürlich befindet sich Sindarov derzeit in fantastischer Form. Aber im Spitzenschach können sich die Dinge manchmal sehr schnell ändern. Zum Beispiel hatte Nodirbek Abdusattorov im Juli und August vergangenen Jahres eine Elozahl von über 2770, während ich bei etwa 2730 lag. Nach dem Weltcup erreichte ich dann 2776, während er auf 2735 zurückfiel. Jetzt ist Nodirbek wieder auf ein Niveau nahe 2800 zurückgekehrt. Alles verläuft in Phasen, denn diese Spieler sind aussergewöhnlich stark. Keiner ist den anderen deutlich überlegen oder unterlegen.

enter image description here

Weltmeisterschaftskämpfe sind wiederum eine ganz andere Geschichte. Vorbereitung, Nervenstärke und Psychologie spielen dort eine enorme Rolle. Gukesh und Sindarov sind beide noch sehr jung. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten, denn es ist ein wichtiger Faktor. Ihre Karrieren stehen erst am Anfang. Die Entwicklung kann sehr schnell in die eine oder andere Richtung gehen. Wir neigen manchmal dazu, einen Spieler zu schnell zu überschätzen, wenn er ein grosses Turnier gewinnt und sich in einer Aufwärtsphase befindet. Genauso schnell unterschätzen wir ihn wieder, wenn er eine schwächere Phase durchlebt.“

„Das Angebot, Teil von Gukeshs Team zu werden, überraschte mich im Park“

enter image description here

Peter Leko (links), Vincent Keymer (Mitte) und Hans-Walter Schmitt bei einer Schachveranstaltung in Deutschland. Foto: Hartmut Metz

Der von Peter Leko trainierte deutsche Grossmeister sprach auch darüber, wie er Mitglied von Gukeshs Team für den Weltmeisterschaftskampf 2024 gegen Ding Liren wurde.

Ich war damals in Malmö und spielte das TePe Sigeman & Co Chess Tournament. Nach dem Ende des Turniers blieb ich noch zwei Tage dort, bevor ich zum Grand Chess Tour Turnier nach Warschau weiterreisen wollte. An meinem ersten freien Tag nach dem Turnier sass ich entspannt in einem Park in Malmö und genoss die freie Zeit. Plötzlich erhielt ich eine Nachricht von Gukesh: ‚Hallo Vincent, wie geht es dir? Können wir kurz sprechen?‘ Ich wusste natürlich, dass er sich auf den Weltmeisterschaftskampf vorbereitete. Deshalb ahnte ich sofort, dass er mich wohl kaum wegen des Turniers in Schweden oder irgendeines anderen Themas kontaktieren wollte. Mein Gefühl täuschte mich nicht. Schon bald wurde klar, worum es ging: Er fragte mich, ob ich Teil seines Teams werden und ihn bei der Vorbereitung auf das WM-Match gegen Ding Liren unterstützen würde. Besonders gefallen hat mir, dass er mich persönlich kontaktierte und nicht über einen Trainer oder Manager. enter image description here

Die Einigung kam sehr schnell zustande – noch vor Beginn des Grand Chess Tour Turniers in Varschau. Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl, weil das gesamte Team sehr angenehm war. Am Ende erwies sich die Zusammenarbeit als grosser Erfolg. Für alle Beteiligten war sie ein Volltreffer.“

Ähnliche Beiträge