Der ehemalige FIDE-Weltmeister und usbekische Grossmeister Rustam Kasimdschanow gab dem Sender City Chess ein bemerkenswertes Interview. Darin sprach er ausführlich über die beiden usbekischen Ausnahmetalente Nodirbek Abdusattorow und Javokhir Sindarow – und äusserte sich am Ende auch zu Magnus Carlsen und der Weltmeisterschaft.

Über ihr aussergewöhnliches Talent
„Es handelt sich um zwei derart aussergewöhnliche Talente, dass ein Spieler wie Abdusattorow oder Sindarow ein wahrer Edelstein ist – etwas wirklich Einzigartiges. Solche Talente kann man nicht am Fliessband produzieren. Schachtalent lässt sich nicht kaufen. Geld, Förderung und eine starke Schachkultur helfen dabei, Talent zu entwickeln, aber sie können es nicht erschaffen. Kein staatliches Programm kann einen Spieler vom Kaliber Abdusattorow oder Sindarow hervorbringen. Es kann solche Talente jedoch erkennen, fördern und auf ihrem Weg begleiten. Es ist durchaus möglich, dass wir für längere Zeit keine Spieler dieses Formats mehr sehen werden. Gemessen an allen historischen Massstäben sind sie aussergewöhnliche Erscheinungen.“
Über ihre Stellung im Weltschach
„Die Elo-Rangliste kann in diesem Zusammenhang irreführend sein. Man sagt mir, Abdusattorow und Sindarow seien derzeit die Nummer vier und fünf der Welt. Nach ihren Leistungen müsste man sie jedoch eher als Nummer eins und zwei betrachten. Die Spieler, die aktuell vor ihnen liegen, profitieren zum Teil noch von den hohen Wertungszahlen, die sie aufgebaut haben, als unsere beiden Talente noch am Anfang ihrer Entwicklung standen. Kein anderes Spielerpaar auf der Welt hat in den vergangenen sechs Monaten vergleichbare Ergebnisse erzielt. Würde das Elo-System dynamischer funktionieren – ähnlich wie im Tennis oder in anderen Sportarten –, wären Abdusattorow und Sindarow heute ohne Zweifel die Nummer eins und zwei der Welt. Natürlich bedeutet das nicht, dass dies für immer so bleiben wird. Doch Schachspieler, die faktisch die Besten der Welt sind, bleiben in der Regel über viele Jahre an der Spitze. Ihre Erfolge sind einfach zu gross.“
Über Nodirbek Abdusattorow
„Vor allem besitzt er ein unglaubliches Talent. Ich spielte gegen ihn eine Turnierpartie, als er etwa dreizehn Jahre alt war. Mit dreizehn spielte er bereits ungefähr so stark, wie ich selbst mit fünfundzwanzig. Dazu kommt sein enormer Arbeitseifer. Er liebt Schach über alles, ist aussergewöhnlich ehrgeizig und erhält hervorragende Unterstützung. All das erklärt, warum er heute zur absoluten Weltspitze gehört.“
Grossmeister Rustam Kasimdschanow
Über Javokhir Sindarow und einen möglichen WM-Kampf gegen Gukesh
„Sindarow kenne ich weniger gut. Abdusattorow habe ich viele Jahre persönlich trainiert, während ich Sindarow hauptsächlich bei Lehrgängen der Nationalmannschaft sehe.Seine Ergebnisse sind schlicht herausragend. Seit etwa November – einschliesslich des Weltcups und des Kandidatenturniers – spielt er auf einem nahezu unglaublichen Niveau. Welchen Gukesh und welchen Sindarow wir in einem Weltmeisterschaftskampf sehen würden, lässt sich unmöglich vorhersagen. Gukesh hatte eine Phase, in der er nahezu unbesiegbar schien, doch irgendwann kam dieser Lauf zum Stillstand. Genau in einer solchen Phase befindet sich Sindarow derzeit. Ein WM-Kampf ist allerdings etwas völlig anderes. Der psychologische Druck ist enorm. Ich selbst habe Weltmeisterschaften gespielt und war Sekundant bei WM-Kämpfen – dort verändert sich alles. Im Moment ist Sindarow für mich jedoch ohne jeden Zweifel der Favorit. Nach seinen Leistungen der vergangenen sechs Monate wäre er gegen jeden Gegner favorisiert. Wie die Situation im Dezember aussehen wird, kann allerdings niemand sagen.“
Über Magnus Carlsen und die Weltmeisterschaft
„Dass der traditionelle Zyklus der Weltmeisterschaft unterbrochen wurde, ist weder die Verantwortung von Gukesh noch die von Sindarow. Die Verantwortung trägt Magnus Carlsen, weil er seine Aufgabe gegenüber der Schachwelt nicht bis zum Ende erfüllt hat. Ich kenne Magnus auch persönlich. Ihn interessiert weder meine Meinung noch die der Schachöffentlichkeit oder seine Verantwortung gegenüber der Schachgeschichte. Genau so ist er – und vielleicht macht ihn gerade das zu einem so aussergewöhnlichen Schachspieler.Es wäre besser gewesen, wenn er eines Tages den Mut gehabt hätte, den Weltmeisterschaftskampf zu verlieren – vielleicht gegen Sindarow. Dadurch wäre der Triumph seines Nachfolgers noch bedeutender geworden. Denn früher oder später verliert jeder gegen die nächste Generation. Wir alle kennen Das Dschungelbuch: Ein neuer Wolf kommt, und Akela verfehlt seine Beute. Es ist Akelas Schicksal, eines Tages daneben zu greifen.“