Im Schach sollte es jährliche Saisons wie im Tennis geben
Der amerikanische Grossmeister und einer der stärksten Spieler der Welt, Hans Moke Niemann, gab in Hongkong ein interessantes Interview über die Stellung des klassischen Schachs in der heutigen Schachwelt sowie dessen Bedeutung in den Medien. Unter anderem erklärte Niemann, dass das klassische Schach zwar das grösste Prestige geniesse, gleichzeitig aber die am wenigsten unterhaltsame und anstrengendste Disziplin sei.
Journalistin: Schach ist heute aufgrund der vielen verschiedenen Formate sehr anspruchsvoll geworden. Die Spieler müssen sich ständig anpassen. Glauben Sie, dass es im Schach eine Saison für klassisches Schach, eine Saison für Rapid und eine Saison für Blitz geben sollte?

Hans Moke Niemann:
Ja, Schach ist heutzutage wirklich sehr schwierig geworden, gerade wegen der vielen unterschiedlichen Formate, weil man sich ständig umstellen muss. Es gibt einen Grund, warum Tennisspieler eine Sandplatzsaison, eine Hartplatzsaison und eine Rasensaison haben. Im Schach dagegen wechseln wir praktisch das ganze Jahr über zwischen verschiedenen Disziplinen und Bedenkzeiten. Ich bin ehrlich davon überzeugt, dass es Zeiträume geben sollte, die jeweils einer bestimmten Disziplin gewidmet sind. Zum Beispiel eine Phase für Rapid- und Blitzschach und eine andere für klassisches Schach. Momentan trainiert man für Rapid und Blitz, anschliessend muss man klassisches Schach spielen, danach folgt vielleicht ein Online-Turnier. Um ehrlich zu sein: Ich weiss manchmal selbst nicht mehr, wie ich trainieren soll. Vor fast jedem Turnier muss ich mich anders vorbereiten, und es fällt mir schwer, mich ständig anzupassen. Der Wechsel zwischen all diesen Formaten ist äusserst anspruchsvoll. Das klassische Schach besitzt ohne Zweifel die größte Bedeutung und das höchste Prestige. Gleichzeitig ist es aber die Disziplin, die am wenigsten Spass macht, am schwierigsten zu spielen ist und die geringste Freude sowie Kreativität bietet. Dadurch entsteht die Situation, dass man den grössten Teil seiner Zeit einer Disziplin widmet, die man nicht so sehr geniesst wie andere Formate. Deshalb muss ein gewisses Gleichgewicht gefunden werden. Aus diesem Grund wäre ich nicht gegen eine kompaktere Schachsaison. Derzeit haben wir einfach zu viele Turnierserien und Wettbewerbe über das gesamte Jahr verteilt.– Hans Moke Niemann