Ian Nepomniachtchi erklärte nach seiner schnellen Siegpartie gegen Hans Niemann, warum die Begegnung bereits in der Eröffnung praktisch entschieden wurde.
Journalist: Heute haben Sie gegen Niemann am Brett praktisch alles gezeigt. Was ist in dieser Variante passiert? Ian Nepomniachtchi: „Keine Ahnung. Ich war einfach glücklich, dass ich endlich meine Vorbereitung aus dem Jahr 2021 anwenden konnte“, erklärte Nepomniachtchi. „Ursprünglich war diese Idee für eine Partie gegen Magnus Carlsen gedacht. Magnus ging allerdings nie in diese konkrete Variante hinein. Eigentlich handelt es sich um eine allgemein bekannte Remisstellung. Aber manchmal verwandelt sie sich in einen ernsthaften Test des Erinnerungsvermögens.“

Dann berichtete Nepomniachtchi von einem interessanten Detail aus seiner Vorbereitung:
„In unserem Team gab es einen internen Witz darüber, dass Peter Leko unglaublich viele handschriftliche Notizen in seinen Unterlagen hinterlässt. In dieser Stellung gibt es für Schwarz mehrere Wege zum Remis. Doch in Peters Notizen stand ein Kommentar wie: ‚Diese Stellung ist ein grosser psychologischer Test.‘ Wir hatten keine Ahnung, was für ein Test das sein sollte. Wenn man die Stellung mit der Engine analysiert, sieht man überall nur Nullen und ausgeglichene Bewertungen. Am Brett stellte sich jedoch heraus, dass es tatsächlich ein psychologischer Test ist.“
Über Hans Niemann sagte der ehemalige WM-Herausforderer:
„Ich wusste, dass Hans erst vor relativ kurzer Zeit begonnen hat, den Marshall-Angriff regelmässig zu spielen. Es gehört also nicht zu seinem langjährigen Kernrepertoire. Einen grossen Teil der Partie hat er gut behandelt, aber dann geriet er in diesen ‚psychologischen Test‘. Was auch immer das genau bedeuten mag. Schöne Grüsse an Peter Leko!“
Journalist: Und was genau bedeutet dieser „psychologische Test“ in Lekos Notizen?
Ian Nepomniachtchi: „Das weiss ich selbst nicht! Das waren einfach Lekos Anmerkungen in unseren Dateien. Ich vermute, dass Schwarz bei tiefer Computeranalyse in diesem verrückten Endspiel absolut präzise Zug für Zug spielen muss, um das Remis zu halten. Aber wenn man allein am Brett sitzt, ist das offensichtlich nicht so einfach. Vielleicht liegt genau darin der Test. Vielleicht wird Peter Leko uns eines Tages aufklären. Er kommentiert inzwischen sehr viel, ist ausgesprochen professionell und öffentlich präsent. Deshalb hoffe ich, dass er dazu irgendwann Stellung nimmt.“
Journalist: Uns ist aufgefallen, dass Sie heute kaum Zeit am Brett verbracht haben und die Züge praktisch im Blitztempo ausführten.
Ian Nepomniachtchi: „Das war alles Vorbereitung von zu Hause. Ehrlich gesagt war es mir sogar ein wenig peinlich, weil ich nie gedacht hätte, dass diese Stellung tatsächlich aufs Brett kommen würde. Und um die Wahrheit zu sagen: Ich konnte mich selbst kaum noch an alle Details erinnern.“
Journalist: Das bedeutet also, dass Hans direkt in Ihre Vorbereitung gelaufen ist?
Ian Nepomniachtchi: „Ich denke, das war ziemlich offensichtlich“, schloss Nepomniachtchi.

Nepomniachtchi: „Der Sieg gegen Hans ist eine Art Kompensation für Belgrad“
Der Teilnehmer des UzChess Masters, Ian Nepomniachtchi, sprach nach seinem Sieg gegen Hans Niemann darüber, ob dieser Erfolg für ihn eine besondere Bedeutung hatte.
„Als Hans den entscheidenden Fehler machte, war er wahrscheinlich bereits erschöpft von all den Versuchen, sich an die Varianten zu erinnern, und von den ständigen Berechnungen am Brett. Für mich hingegen war es im Grunde nur die Wiedergabe einer alten Vorbereitung“, erklärte Nepomniachtchi.
Journalist: Nach der Partie wirkte Hans sehr enttäuscht. Es schien, als hättest du versucht, die Partie noch kurz mit ihm zu analysieren?
Ian Nepomniachtchi: „Nein, eigentlich nicht. Ich wollte nur sein Verständnis der Stellung überprüfen. Im Prinzip hat er gut gespielt, aber ich denke, er hätte wissen müssen, dass der König nach d6 gehört und nicht nach b7. Wahrscheinlich interessierte ihn das in diesem Moment allerdings nicht besonders.“
Journalist: Angesichts eures Matches und einiger Ereignisse, die es früher zwischen euch gegeben hat: Bedeutet dir dieser Sieg mehr als ein gewöhnlicher Turniererfolg?
Ian Nepomniachtchi: „Ich glaube nicht. Es ist einfach eine normale Turnierpartie. Natürlich ist es besser zu gewinnen als Remis zu spielen, und besser Remis zu spielen als zu verlieren. Alles wie immer. Es ist schön, dass ich nun ein paar Elo-Punkte zurückgewinne. Während des Turniers habe ich einige verloren. Theoretische Chancen auf den Turniersieg habe ich noch, auch wenn sie sehr gering sind. Wenn ich in der neunten Runde gut spiele, ergibt sich vielleicht die Möglichkeit, zumindest den ersten Platz mit jemandem zu teilen. Aber es ist noch zu früh, darüber nachzudenken. Wir werden sehen, was passiert.“
Der zweimalige WM-Herausforderer fügte hinzu:
„Natürlich ist es angenehm, endlich wieder eine positive Punktebilanz zu haben. Schliesslich kommt es nicht allzu oft vor, dass man eine Partie praktisch nur dank der heimischen Vorbereitung gewinnt. Vielleicht hatte ich heute auch ein wenig Glück – so etwas wie eine Kompensation für meine siebte Partie in Belgrad. Damals war ich morgens vollkommen erschöpft. Ich hatte überhaupt keine Lust nachzudenken und bemerkte deshalb einfach eine ungedeckte Figur nicht. Offenbar gibt es im Universum doch so etwas wie ein Gleichgewicht“, schloss Nepomniachtchi.