Einer der grössten Schachspieler aller Zeiten: „Nach einer Niederlage falle ich nicht in eine Depression“
Während der FIDE Mannschafts-Weltmeisterschaft im Rapid- und Blitzschach in Hongkong sprach Magnus Carlsen mit dem Magazin Tatler Asia. Das Interview fand unmittelbar nach einer Niederlage statt (der Gegner wurde nicht genannt), und der Norweger war sichtlich damit beschäftigt, die Partie noch einmal gedanklich zu durchleben und seine Fehler zu analysieren.
„Man versucht, innerhalb einer begrenzten Zeit die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen. Manchmal gelingt das einfach nicht – und das ist völlig normal“, erklärte Carlsen.
Magnus Carlsen beim Schachspiel während der FIDE World Team Rapid and Blitz Chess Championships 2026 in Hongkong. (Foto: FIDE Hongkong)
„Solange man grundsätzlich gute Entscheidungen trifft, kann man damit leben. Im übrigen Leben gelten solche strengen Massstäbe nicht, deshalb ist diese Denkweise dort nicht immer hilfreich. Das Schach hat mir jedoch beigebracht, viele Dinge nüchterner und objektiver zu betrachten.“
Der frühere Weltmeister beschrieb auch seine strategische Philosophie am Brett:
„Während einer Partie versuche ich, die guten Möglichkeiten meines Gegners von vier oder fünf vernünftigen Zügen auf zwei oder im Idealfall sogar auf einen einzigen zu reduzieren. Es geht darum, ihm kleine, subtile Probleme zu bereiten, bei denen er Fehler machen könnte. Dabei muss man immer das richtige Gleichgewicht finden, denn man darf selbst nicht zu weit gehen. Ich habe durchaus Partien verloren, die eigentlich Remis hätten enden müssen. Insgesamt hat sich diese Strategie des permanenten Drucks jedoch als erfolgreich erwiesen.“ „Der Antrieb meiner Jugend ist verschwunden“
Carlsen sprach ungewöhnlich offen über seine heutige Motivation.
„Der Antrieb aus meiner Kindheit und Jugend – immer die absolut beste Version meiner selbst sein zu wollen – ist verschwunden. Auf Dauer kostet das einfach zu viel Energie. Wenn ich vollkommen fokussiert bin, spiele ich normalerweise auf meinem höchsten Niveau. Wenn nicht, dann eben etwas schwächer. Früher drehte sich alles nur um eine einzige Sache: die Schachweltmeisterschaft. Ehrlich gesagt hat sie mir jedoch nie besonders viel Freude bereitet. Warum sollte ich so viel Zeit in etwas investieren, das mir keinen wirklichen Spass macht? Ich vertraue meinen Fähigkeiten genügend und sehe keinen Grund, dieses Vertrauen ständig aufs Neue beweisen zu müssen.“
Familie als neue Priorität
Heute stehen für den Norweger andere Werte im Vordergrund. „Ich habe eine Verantwortung gegenüber meiner Familie. Ich muss arbeiten und für sie sorgen. Schach ist immer noch mein Beruf – und ich übe ihn aus. Wenn ein gutes Ergebnis als Trost fehlt, ist das manchmal nicht einfach. Aber alles wird wesentlich leichter, sobald man nach Hause zu seiner Frau und seinem Kind zurückkehrt. Dann fällt es schwer, allzu lange enttäuscht zu bleiben.“
Über seine Rolle als Vater sagte Carlsen:
„Das Wichtigste für mich ist, dass mein Kind glücklich und gesund ist – viel mehr wünsche ich mir eigentlich nicht. Solange es den Kindern gut geht, sollte man ihnen erlauben, ihren eigenen Weg zu finden. Natürlich verstehe ich auch, dass nicht jede Familie diese Einstellung teilt.“ „Nach einer Niederlage will ich sofort zurückschlagen“
Zum Abschluss sprach Carlsen über seinen Umgang mit Niederlagen.
„Nach einer Niederlage falle ich nicht in eine Depression. Ich ärgere mich einfach und versuche, in der nächsten Partie zurückzuschlagen.“
Eine Antwort, die den Charakter des Norwegers treffend beschreibt:Niederlagen akzeptieren, daraus lernen und möglichst schnell wieder gewinnen.