London: FISCHERS PARTIEFORMULAR FÜR 140.800 PFUND VERKAUFT!

Der Autor John Henderson beschreibt in der Juni-Ausgabe der englischen Schachzeitschrift CHESS, wie die umfangreiche Sammlung vonschen Schachmemorabilien des deutschen Grossmeisters Lothar Schmid kürzlich bei einer Auktion von Sotheby's in London versteigert wurde.

Die erzielten Preise stellten neue Weltrekorde für Schachmemorabilien und Sammlerstücke auf. Das grösste Interesse – sowohl bei Vereinsspielern und Turnierschachspielern als auch bei bedeutenden Sammlern – galt dem Auktionsobjekt „Lot 67“. Nicht gerade romantisch von Sotheby’s, dieses Stück als „Lot 67“ zu bezeichnen und nicht etwa mit der viel passenderen Schachzahl 64!

Das Rätsel von „Lot 67“

„Lot 67“ enthielt die Original-Partieformulare der 17. Partie des legendären WM-Kampfes zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky – einschliesslich der von beiden Spielern unterschriebenen Notationsblätter sowie des Umschlags, in dem die Partie bei ihrer Vertagung versiegelt worden war.

Der geschätzte Vorauktionserlös lag zwischen 5.000 und 7.000 Pfund.Umso sensationeller und selbst für das Auktionshaus überraschend war es, dass ein anonymer Käufer schliesslich 140.800 Pfund für dieses aussergewöhnliche Schachrarität bezahlte!!

Damit wurden das Partieformular und der Umschlag der 17. Partie des WM-Kampfes von Reykjavik zu den wertvollsten Schach-Partieformularen der Schachgeschichte.

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Fischers Handschrift – eine weitere Enigma

Diese Versteigerung wirft einige faszinierende Fragen auf. Wenn die Handschrift eines Menschen viel über seinen Charakter und seine Persönlichkeit verrät, dann zeigen die Partieformulare, dass der unberechenbare Bobby Fischer noch rätselhafter war, als viele bisher angenommen haben. Auf den Formularen ist seine unverwechselbare Handschrift deutlich zu erkennen. Fischer notierte die Züge in der von ihm bevorzugten alten englischen beschreibenden Notation. Die Schrift wirkt zunächst beinahe kindlich und erstaunlich naiv. In den ersten Zügen ist sie noch einigermassen lesbar. Nach etwa zehn Zügen verwandelt sie sich jedoch in ein derart unordentliches und schwer entzifferbares Gekritzel, dass eine genaue Entschlüsselung nahezu unmöglich erscheint. Ganz anders das Schriftbild von Boris Spassky. Seine algebraische Notation ist ausserordentlich sauber, klar und übersichtlich. Die Schrift bleibt über das gesamte Formular hinweg ordentlich strukturiert und weist gleichmässige Abstände auf.

Wie kam Lothar Schmid an die Partieformulare?

Eine interessante Frage lautet: Wie gelangten die Originalformulare der 17. Partie überhaupt in den Besitz von Lothar Schmid? Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass die Spieler nach Partieende die Formulare und das Material zur Vertagung zurückließen und der gewissenhafte Hauptschiedsrichter sie einfach einsammelte. Es gibt jedoch noch eine zweite, etwas fantasievollere, aber durchaus mögliche Theorie. Diese wurde vom langjährigen Guardian-Schachkorrespondenten Leonard Barden, einem guten Freund Schmids, geäussert. Barden vermutete, dass der damalige FIDE-Präsident Max Euwe, wohl wissend, dass Schmid leidenschaftlicher Sammler von Schachraritäten war, bewusst ein Auge zudrückte und ihm erlaubte, diese Erinnerungsstücke als eine Art Anerkennung für seinen enormen Einsatz zu behalten. Schliesslich war Schmid einer der entscheidenden Faktoren dafür, dass der berühmte WM-Kampf von Reykjavik nicht scheiterte und erfolgreich zu Ende geführt werden konnte.

Das grösste Rätsel bleibt ungelöst

Die Versteigerung der Partieformulare der 17. Partie wirft vielleicht die grösste Frage von allen auf: Was geschah mit den Partieformularen der übrigen 20 WM-Partien? Und vor allem: Wo befindet sich heute das Formular der berühmten zweiten Partie, die Bobby Fischer kampflos verlor? Vielleicht warten auch diese Dokumente noch irgendwo auf ihre Wiederentdeckung – und auf ihren grossen Auftritt bei einer zukünftigen Auktion.

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