Russische Schachföderation verliert mit sofortiger Wirkung ihre Mitgliedsrechte
Die Weltschachföderation FIDE hat die Russische Schachföderation (RCF) für einen Zeitraum von drei Jahren suspendiert. Die Entscheidung trat am 11. Juni sofort in Kraft.
Während der Suspendierung dürfen russische Mannschaften nicht unter dem Dach der FIDE antreten, keine offiziellen Schachveranstaltungen organisieren und auch nicht an Abstimmungen innerhalb der FIDE teilnehmen.
Russische Schachspieler dürfen weiterhin an internationalen Turnieren teilnehmen, jedoch ausschließlich als neutrale Spieler und nicht unter russischer Flagge.
Wie kam es zu dieser historischen Entscheidung?
Die Suspendierung ist das Ergebnis eines langjährigen juristischen Konflikts zwischen der Ukraine und Russland.
Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne hatte Russland bereits im März eine Frist von 90 Tagen gesetzt, um die Organisation von Schachturnieren auf der annektierten Krim sowie in den vier von Russland besetzten ukrainischen Regionen einzustellen.
Nach Auffassung des CAS verletzen diese Aktivitäten die territoriale Integrität und Souveränität der Ukraine.
Die Ukrainische Schachföderation hatte bereits 2023 Beschwerde eingelegt und darauf hingewiesen, dass Russland Turniere auf ukrainischem Territorium veranstalte und diese Gebiete in die Russische Schachföderation integriere.
Nach Angaben der Klägerseite wurden bislang rund 1350 Schachveranstaltungen in den betroffenen Regionen organisiert.
Bereits zuvor war gegen Russland eine Geldstrafe von 45.000 Euro verhängt worden. Da die Russische Schachföderation die Vorgaben des CAS nicht umsetzte, beschloss der FIDE-Rat nun automatisch die Suspendierung.
Eine paradoxe Situation für FIDE-Präsident Dworkowitsch
Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass der amtierende FIDE-Präsident Arkadi Dworkowitsch selbst Russe ist.
Im September stehen während der Schacholympiade in Samarkand (Usbekistan) Neuwahlen für das Präsidentenamt an. Die aktuelle Entscheidung wirft daher eine interessante juristische Frage auf:
Darf Dworkowitsch überhaupt erneut kandidieren?
Nach der Auslegung des CAS-Urteils dürfen Mitglieder der Russischen Schachföderation nicht an offiziellen Aktivitäten der FIDE teilnehmen. Ob dies auch für eine Kandidatur zum Präsidentenamt gilt, könnte Gegenstand weiterer rechtlicher Diskussionen werden.
Hinzu kommt, dass Dworkowitsch seit längerer Zeit auf den Sanktionslisten der Europäischen Union geführt wird. In ihrem jüngsten Beschluss vom 10. Juni schlug die EU-Kommission ein weiteres, inzwischen 21. Sanktionspaket gegen Russland vor.
Zu den genannten Personen gehören unter anderem Arkadi Dworkowitsch sowie der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche Kirill (bürgerlicher Name: Wladimir Gundjajew). Ihnen wird vorgeworfen, die russische Aggression gegen die Ukraine öffentlich gerechtfertigt zu haben.
Filatow kündigt rechtliche Schritte an
Der Präsident der Russischen Schachföderation, Andrei Filatow, erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur TASS:
„Wir haben die Entscheidung des FIDE-Rates zur Kenntnis genommen. Unsere Juristen prüfen derzeit die Situation, und wir behalten uns das Recht vor, die Entscheidung anzufechten. Natürlich bedauern wir, dass der FIDE-Rat der Entscheidung des CAS folgen muss, aber sie kommt für uns nicht überraschend.“
Filatow fügte hinzu:
„Wir hoffen ausserdem, dass die Ethik- und Disziplinarkommission der FIDE unsere Beschwerde gegen die Handlungen des Präsidenten der Ukrainischen Schachföderation zeitnah prüfen und die nach dem FIDE-Statut höchstmögliche Sanktion verhängen wird.“
Historischer Einschnitt für eine Schachgrossmacht
Die Entscheidung markiert einen historischen Moment in der Schachgeschichte. Zum ersten Mal wird die Russische Schachföderation, eine der erfolgreichsten und einflussreichsten Schachorganisationen der Welt, für einen längeren Zeitraum von den Aktivitäten der FIDE ausgeschlossen. Welche Auswirkungen dies auf die bevorstehenden FIDE-Wahlen, internationale Mannschaftswettbewerbe und die Zukunft des russischen Schachs haben wird, bleibt abzuwarten.