Ben Mezrich: „Während der Partie gegen Hans wurde Magnus gegenüber dem Fotografen misstrauisch“

Wer den Oscar-prämierten Film The Social Network gesehen hat, weiss vermutlich, dass er auf einem Buch von Ben Mezrich basiert. Kürzlich veröffentlichte Mezrich ein neues Werk über den grössten Schachskandal der letzten Jahre – die Betrugsvorwürfe rund um die Partie zwischen Magnus Carlsen und Hans Niemann. Ein ganzes Jahr lang recherchierte der Autor zu diesem Fall.
„Ich konnte mit allen Beteiligten sprechen und sogar geheime Videoaufnahmen der Partie ansehen“, erklärt Mezrich. „Ausserdem erhielt ich Informationen aus verschiedenen Insiderquellen.“ Der Fotograf wollte den Moment festhalten, in dem Hans Niemann während seines Sieges über Magnus Carlsen eine Kaugummiblase aufbläst. Deshalb näherte er sich dem Brett. Carlsen bemerkte dies sofort. „Magnus fand die Situation verdächtig. Da kommt plötzlich jemand näher an das Brett, sagt etwas, und es entsteht ein kurzer Wortwechsel. Das wirkte auf ihn seltsam.“
Bereits zuvor hatte sich während des Turniers eine weitere ungewöhnliche Szene ereignet. Ein Spieler fragte denselben Fotografen nach dem Ergebnis eines laufenden Fussballspiels. Der Fotograf zeigte ihm das Resultat mit Gesten. Auch das hatte Carlsen beobachtet.
„Rückblickend kann man verstehen, warum Magnus das Gefühl hatte, dass etwas nicht stimmte“, so Mezrich.
Das ist ein sehr ernstes Signal
Im Buch beschreibt Mezrich eine Szene, in der Carlsen den Fotografen direkt anspricht und sagt: „Das ist ein sehr ernstes Signal.“ Damit erhob der Norweger praktisch schon während der Partie einen Verdacht. „Ja“, bestätigt Mezrich. „Später entschuldigte sich sein Vater Henrik gewissermassen für die Situation. Der Fotograf selbst geniesst in der Schachwelt höchstes Ansehen. Leonard Ots gehört zu den besten Schachfotografen überhaupt. Er hat praktisch alle grossen Spieler fotografiert und ausgezeichnete Beziehungen zu den Turnierteilnehmern.“
Dennoch war Ots die einzige Person im Turniersaal, die über einen Computer verfügte. Er bewegte sich ständig zwischen seinem Arbeitsplatz und den Brettern. „Magnus gefiel überhaupt nicht, dass er sich dem Spieltisch näherte. Danach schickte er sogar seinen Vater, um mit dem Fotografen zu sprechen.“
Am Abend besuchte Henrik Carlsen den Fotografen im Hotel und stellte ihm zahlreiche Fragen, um herauszufinden, was genau während der Partie geschehen war.
„Am Ende kamen alle Beteiligten zu dem Schluss, dass der Fotograf nichts mit möglichem Betrug zu tun hatte. Er half niemandem. Aber dieser Vorfall wurde zu einem Teil jener Ereigniskette, die später zur grossen Kontroverse führte.“
Das Frühstück mit Danny Rensch Geschäftsführer von Chess.com.
Mezrich beschreibt in seinem Buch noch eine weitere interessante Episode. Am Morgen der Partie frühstückte Magnus Carlsen mit Danny Rensch, dem Geschäftsführer von Chess.com.
„Während dieses Gesprächs bemerkte Danny, dass Magnus, sein Vater und das gesamte Team bereits ein ungutes Gefühl wegen der Begegnung mit Hans hatten“, erzählt Mezrich. „Sie diskutierten sogar darüber, ob Magnus die Partie überhaupt spielen sollte.“
Hans Niemann hatte damals bereits den Ruf eines Spielers, dem Online-Betrug vorgeworfen wurde. In Schachkreisen kursierten zahlreiche Gerüchte. „Einige Spieler waren der Meinung, dass Hans gar nicht hätte eingeladen werden dürfen. Andere erklärten, sie wollten nicht an einem Turnier teilnehmen, wenn Niemann dabei sei.“ Deshalb habe bereits vor der Partie ein gewisses Misstrauen existiert. „Als dann später weitere ungewöhnliche Dinge passierten, kehrte Magnus sofort zu diesen Gedanken zurück“, fasst Mezrich zusammen.
Ben Mezrich über die Entstehung seines Buches „Checkmate“

„Es ist eine verrückte Geschichte“
In einem Podcast sprach Bestsellerautor Ben Mezrich über seine Beweggründe, das Buch „Checkmate“ zu schreiben, das sich mit der Affäre Carlsen–Niemann beschäftigt. Ben Mezrich: „Es ist eine verrückte Geschichte, weil sie das Herz des Schachs berührt. Genau so etwas sollte eigentlich niemals passieren. Die Frage, ob und wie Hans möglicherweise betrogen hat, entwickelte sich zu einer viralen Sensation, die bis heute nicht verschwunden ist.“
Journalist: Was denken Sie persönlich darüber?
Ben Mezrich: „Was ich denke? Ob er betrogen hat oder nicht? Nun, dafür müssen die Leute das Buch lesen. Aber ich kann sagen, dass es Hinweise für beide Seiten gibt. Manche Leser werden nach der Lektüre überzeugt sein und sagen: ‚Ich bin sicher, dass er betrogen hat.‘ Andere werden das Buch lesen und zu dem Schluss kommen: ‚Nein, er hat nicht betrogen.‘ Ich glaube, dass hier auch ein Generationenkonflikt eine Rolle spielt. Hans gehört zu einer Generation von Spielern, die ihre Karriere über Streaming aufgebaut haben. Er ist Twitch-Streamer, und Streaming ist inzwischen ein wichtiger Teil der Schachökonomie geworden. Viele junge Menschen betrachten die Dinge deshalb anders. Hans hat selbst eingeräumt, mehrfach online betrogen zu haben.“
Journalist: Etwa hundert Partien?
Ben Mezrich: „Chess.com behauptet, dass er ungefähr hundertmal online betrogen hat. Hans selbst sagt heute, es seien einige Dutzend Fälle gewesen. Gleichzeitig betont er, dass es einen grossen Unterschied gibt zwischen Online-Betrug und Betrug in einer echten Turnierpartie am Brett gegen einen Gegner im selben Raum.“
„Checkmate“ bislang nur auf Englisch erhältlich Ben Mezrichs neues Buch trägt den Titel: „Checkmate: Genius, Lies, Ambition and the Biggest Scandal in Chess“ Eine deutsche Ausgabe existiert bislang nicht. Das Buch ist derzeit ausschliesslich auf Englisch erhältlich. Angesichts des enormen Interesses an der Affäre Carlsen–Niemann und der geplanten Hollywood-Verfilmung dürfte eine deutsche Übersetzung jedoch nur eine Frage der Zeit sein.