Kindermann: „Sindarov lief herum, lachte und genoss es“
Der österreichische Grossmeister Stefan Kindermann schilderte seine Eindrücke nach dem Kandidatenturnier auf Zypern.
Der zwanzigjährige Usbeke Javokhir Sindarov gewann das Turnier absolut sensationell — mit grossem Vorsprung. Er übertraf den Zweitplatzierten Anish Giri um anderthalb Punkte. Er erzielte 10 Punkte aus 14 Partien, gewann sechs und verlor keine einzige. Das ist wirklich das beste Ergebnis in der Geschichte solcher Kandidatenturniere.
„Er übertraf den drittbesten Spieler der Welt um zweieinhalb Punkte und den zweitbesten um dreieinhalb. Das war eine aussergewöhnliche Leistung — nicht nur vom Ergebnis her, sondern auch die Qualität seiner Partien hat vollkommen überzeugt.“
Eine bemerkenswerte Persönlichkeit
Auch ausserhalb des Brettes gewann Sindarov alle Sympathien. Man kann es so sagen: Wenn man sein Verhalten ausserhalb seiner eigenen Partien beobachtet — er lief herum, lachte und genoss es. Niemand bewegte sich so viel im Turniersaal, wenn er nicht am Zug war — er ging buchstäblich in schnellem Tempo durch den Saal. Am meisten lachte er bei Interviews und Pressekonferenzen.
Und was der ganzen Geschichte noch mehr Romantik verleiht: Im Frauenturnier, das von der indischen Spielerin Vaishali Rameshbabu gewonnen wurde, kämpfte auch seine Freundin Bibisara Assaubayeva, eine kasachische Grossmeisterin, um den Sieg und belegte am Ende den zweiten Platz. Vor der letzten Runde, als Sindarov bereits den ersten Platz gesichert hatte, wurde er gefragt, wie er sich auf seine letzte Partie vorbereiten werde. Er antwortete sofort: Jetzt ist es am wichtigsten, meine Freundin auf ihre Partie vorzubereiten.
- Insgesamt kann man sagen, dass er die Sympathien aller gewonnen hat — sogar die seiner Gegner.
Ausblick auf die Weltmeisterschaft
Damit qualifizierte er sich als Herausforderer für das Match gegen den amtierenden Weltmeister Gukesh Dommaraju. Das Match wird Ende des Jahres stattfinden, Ort und genaue Termine stehen noch nicht fest. Versuchen wir kurz, seine Chancen einzuschätzen.
Dank seines fantastischen Spiels ist er nun in der Weltrangliste von etwa Platz 30 auf Platz 5 gesprungen. Gleichzeitig ist Gukesh nach seinem Weltmeistertitel deutlich zurückgefallen. Es scheint, als habe er teilweise den „Fluch des Weltmeisters“ von seinem Vorgänger Ding Liren übernommen, der nach seinem Sieg einen starken Leistungseinbruch erlebte. Bei Gukesh ist das nicht so dramatisch — er ist erst 19 Jahre alt und kann zurückkommen — aber er ist bereits auf Platz 16 gefallen und hat kein wirklich herausragendes Ergebnis gezeigt.
Nach aktueller Form ist Sindarov klar im Aufwind, und die meisten würden derzeit auf ihn setzen. Ich denke, er ist der klare Favorit im bevorstehenden Weltmeisterschaftskampf. Alles deutet darauf hin, dass er den höchsten Titel gewinnen kann.
Der ehrgeizige Plan
Interessant ist, dass dies erst der dritte Schritt eines vierstufigen Plans seines Trainers ist. Und das ist ein weiteres spannendes Detail: Ein grosser Teil seines Erfolgs hängt mit seinem Trainer zusammen, der in München lebt — dem Ukrainer Roman Vidonyak. Offensichtlich ein aussergewöhnlicher Trainer, der intensiv mit Sindarov gearbeitet hat. In einem Interview sagte er, dass der Sieg beim Kandidatenturnier erst die zweite Phase eines großen Plans sei.
- Die erste Phase — die Qualifikation für das Kandidatenturnier.
- Die zweite — der Sieg dort.
- Die dritte — der Gewinn des Weltmeisterschaftskampfes.
- Die schwierigste Phase — sich oberhalb der magischen Marke von 2800 Elo-Punkten zu etablieren und das Schach zu dominieren, so wie es einst Garry Kasparov, Anatoly Karpov oder Magnus Carlsen getan haben.
„Wir werden sehen, ob ihm das gelingt, aber im Moment erscheinen seine **Chancen sehr ernst“, meint GM Stefan Kindermann.**