Javokhir Sindarov: „Ich habe keine Kasparov-Partien studiert – sondern Capablanca und Botwinnik analysiert“
Der Journalist Leontxo García von der Zeitung El País teilte Eindrücke aus seinem Gespräch mit Javokhir Sindarov, dem Sieger des FIDE Candidates Tournament 2026. Wie auch Gukesh Dommaraju – sein Gegner im bevorstehenden WM-Match – und viele andere Schachstars des 21. Jahrhunderts hat Sindarov die klassischen Werke nicht systematisch studiert.

So hat er beispielsweise nicht die berühmte Buchreihe „Meine grossen Vorkämpfer“ gelesen, in der Garry Kasparov (Weltmeister von 1985 bis 2005) die besten Partien der grossen Champions seit dem 19. Jahrhundert analysiert. Diese Werke galten lange als eine Art „Schach-Bibel“ und waren fast Pflichtlektüre – selbst für Magnus Carlsen.
Doch nicht für die neue Generation:
„Ich lese sehr selten Bücher. Mein Trainer besteht darauf, dass ich aus Büchern lerne und analysiere, aber ich bevorzuge es, wenn er mir alles direkt am Brett zeigt. Ich habe nie selbst nach Partien grosser Champions wie José Raúl Capablanca oder Mikhail Botvinnik gesucht – ich habe einige nur gesehen, wenn mein Trainer sie mir gezeigt hat.“
Moderner Schachstil: Berechnung statt klassischer Strategie?
Daraus ergibt sich eine interessante Schlussfolgerung: Tiefe strategische Konzepte, langfristiges Denken und positionelles Spiel scheinen heute weniger im Vordergrund zu stehen – Computer haben die Spielweise verändert.
Sindarov bestätigt diese Entwicklung:
„Ich stimme zu, dass sich das Schach stark verändert hat. Ich möchte meinen Denkprozess während der Partie aus offensichtlichen Gründen nicht im Detail erklären. Aber ich kann es so zusammenfassen: Ich berechne ständig Varianten, und wenn ich ohne genügend Zeit entscheiden muss, verlasse ich mich auf meine Intuition. Konkrete Berechnung ist die Grundlage des modernen Schachs.“
Was unterscheidet heute die Besten?
Ist also die Berechnung der entscheidende Faktor zwischen einem guten und einem Weltklassespieler?

Sindarov meint:
„Heute kann jeder dank leistungsstarker Computer sehr stark in der Eröffnung sein. Früher war das anders – Garry Kasparov hatte einen Vorteil durch sein Team von Top-Trainern. Heute entscheiden andere Faktoren: Berechnung, Reaktionsgeschwindigkeit, Zeitmanagement, Technik und vieles mehr. Ausserdem ist es wichtig, die richtigen Stellungsarten gegen bestimmte Gegner anzustreben und zu wissen, wann man mehr Risiko eingehen muss.“
Vom Talent zum Kandidatensieger
Noch vor wenigen Jahren galt Javokhir Sindarov als eines der größten Talente. Heute hat er das Kandidatenturnier mit einem der besten Ergebnisse der modernen Geschichte gewonnen (10/14 Punkte, ohne Niederlage).
Was hat sich verändert?
- Ich habe mich in allen Bereichen verbessert: Eröffnung, Mittelspiel, Endspiel, Berechnung sowie körperliche und psychologische Vorbereitung.
- Auch die Unterstützung des Staates ist sehr wichtig.
- Aber egal, wie viel Unterstützung man bekommt oder wie talentiert man ist – das Wichtigste ist harte Arbeit.
- Und genau das mache ich fast jeden Tag.
Die Aussagen von Javokhir Sindarov zeigen klar:
Der moderne Schachspieler ist weniger ein „Theoretiker alter Schule“ – und mehr ein Rechner, Praktiker und Athlet zugleich.
Ein Ansatz, der ihn bis an die Spitze der Schachwelt geführt hat – und nun in den Kampf um die Weltmeisterkrone.