Grossmeister unter der Lupe: WER IST JAVOKHIR SINDAROV WIRKLICH?

Was sagen der Russe Emil Sutovskij und der Spanier Leontxo Garcia?

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Der glaenzende Sieg von Javohir Sindarov hat Schachliebhaber dazu gebracht, Vergleiche mit Kasparov, Tal und anderen Klassikern zu suchen. Doch der Held selbst erklaerte im Interview mit Leontxo Garcia, dass er weder Partien von Capablanca oder Botwinnik studiert habe noch Kasparovs „Meine grossen Vorgaenger“ gelesen habe – und dass er generell nicht gerne liest. Heute gebe es andere Methoden der Vorbereitung.

Ich sage gleich: Ich sehe in diesen Worten nichts Ketzersches. Es ist eine voellig andere Zeit und es gibt vollkommen andere Moeglichkeiten, das eigene Koennen zu perfektionieren. Nakamura erklaerte schon vor mehr als 20 Jahren, dass er zum Beispiel die Partien von Smyslow nicht kenne. Und tatsaechlich gibt es aus Sicht neuer Erkenntnisse nichts Sakrales mehr in den Kaempfen der Giganten der Vergangenheit. Eine Sammlung von Partien eines grossen Schachspielers ist aus praktischer Sicht lediglich eine bequeme Zusammenstellung. Ich empfehle zum Beispiel bis heute allen Spielern bis etwa 2400 Elo die Partiensammlung von Rubinstein. Ja, einzelne Beispiele kann man auch anders loesen und Muster auf andere Weise trainieren, aber das ist ein grossartiges Beispiel strategischer Partiefuehrung in konzentrierter Form. Nicht veraltet. Aber gleichzeitig keineswegs das einzige. Die Zeiten, in denen man Schach nur auf diese Weise lernen musste, sind unwiderruflich vorbei. Dabei haben die Veraenderungen schon vor langer Zeit begonnen.

Fast niemand geht mehr wie Botwinnik 20 Minuten zu Fuss vor einer Partie spazieren, fast niemand vermeidet Analysen direkt nach der Partie, wie er es empfahl, und nur wenige machen Gymnastik – obwohl fast alle ins Fitnessstudio gehen.

Das Auftauchen der Engines fuehrte unvermeidlich dazu, dass zahlreiche Fehler in den Partien der Giganten der Vergangenheit entdeckt wurden, wodurch auch die Ehrfurcht geringer wurde. Und die Moeglichkeit, Hunderte Partien pro Jahr am Brett und Tausende im Internet zu spielen, erlaubte es, alle Muster spielerisch zu verinnerlichen und eine Schachkultur zu entwickeln, indem man saemtliche Strukturen und Stellungstypen praktisch spielte. Alles richtig. ABER! Es gibt zwei grosse Aber. Erstens sind nur sehr grosse Talente faehig, diese verstreuten Kenntnisse zu systematisieren und selbststaendig das Nuetzliche herauszufiltern. Und selbst dann unter Anleitung eines Trainers oder meistens mehrerer Trainer. Millionen Menschen spielen einfach nur Schach, ohne dass ihr Niveau grundlegend steigt. Man muss ein Sindarov, Firouzja oder Nakamura sein – und als allgemeiner Rat „spielt, loest Aufgaben und ihr werdet Erfolg haben“ funktioniert ueberhaupt nicht.

Zweitens waren Schachkultur und Tradition immer wichtig – sowohl fuer das Selbstverstaendnis als auch fuer die Wahrnehmung unseres Spiels von aussen. Wenn man sich vorstellt, dass aus dem Schach alles verschwindet, was keinen praktischen Nutzen bringt, dann bleibt nur Gaming uebrig. Und Gamer werden fuer Klicks bezahlt. Sie werden nicht von Praesidenten empfangen. Fuer sie stellen keine Regierungen, Sponsoren oder Geldgeber Mittel bereit, fuer die das entsprechende Image wichtig ist. Und wenn Gamer keine Zuschauer mehr haben, gibt es auch keine Millionenhonorare mehr. Aber Schach ist fuer Zuschauer zu komplex, deshalb werden wir niemals auf eine Ebene mit Shootern gelangen. Ja, das ist nicht Sindarovs Sorge – und generell besteht die Aufgabe eines Schachspielers darin, einfach maximal gut zu spielen, auf jede ehrliche Weise. Und er spielt fantastisch – mehr noch, das Niveau, das er im Kandidatenturnier gezeigt hat, laesst Vergleiche mit Kasparov aufkommen.

Also ja: In erster Linie muss ein Schachspieler Resultate liefern. Aber ueber das Image des Schachs nachzudenken, ist die Pflicht jedes Topspielers. Man kann die Ehrlichkeit von Praggnanandhaa bewundern, der sagte: Wir sind gewoehnliche Menschen, wir koennen nur dieses Spiel sehr gut spielen. Aber erstens stimmt das keineswegs fuer alle, und zweitens ist eine solche Botschaft strategisch schaedlich fuer das Schach. Und dennoch werde ich die Jugend nicht kritisieren. Vielleicht nur leicht tadeln – waehrend ich gleichzeitig, wie im Fall von Sindarov, sein phaenomenales Spiel bewundere. Wir verlangen von Zwanzigjaehrigen oft eine gewisse Weisheit und Verantwortung und vergessen dabei, dass ihre Erfolge auch deshalb moeglich wurden, weil sie fast doppelt so viel Zeit mit Schach verbringen wie die Spieler der aelteren Generation. Wann sollten sie da ueber das Ewige nachdenken? Aber wenn Javohir Weltmeister wird, verspreche ich, persoenlich mit ihm darueber zu sprechen. Javokhir Sindarov:Ich habe keine Kasparov-Partien studiert – sondern Capablanca und Botwinnik analysiert“

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Der Journalist Leontxo García von der Zeitung El País teilte Eindrücke aus seinem Gespräch mit Javokhir Sindarov, dem Sieger des FIDE Candidates Tournament 2026. Wie auch Gukesh Dommaraju – sein Gegner im bevorstehenden WM-Match – und viele andere Schachstars des 21. Jahrhunderts hat Sindarov die klassischen Werke nicht systematisch studiert. So hat er beispielsweise nicht die berühmte Buchreihe „Meine grossen Vorkämpfer“ gelesen, in der Garry Kasparov (Weltmeister von 1985 bis 2005) die besten Partien der grossen Champions seit dem 19. Jahrhundert analysiert. Diese Werke galten lange als eine Art „Schach-Bibel“ und waren fast Pflichtlektüre – selbst für Magnus Carlsen. Doch nicht für die neue Generation: „Ich lese sehr selten Bücher. Mein Trainer besteht darauf, dass ich aus Büchern lerne und analysiere, aber ich bevorzuge es, wenn er mir alles direkt am Brett zeigt. Ich habe nie selbst nach Partien grosser Champions wie José Raúl Capablanca oder Mikhail Botvinnik gesucht – ich habe einige nur gesehen, wenn mein Trainer sie mir gezeigt hat.“ Moderner Schachstil: Berechnung statt klassischer Strategie? Daraus ergibt sich eine interessante Schlussfolgerung: Tiefe strategische Konzepte, langfristiges Denken und positionelles Spiel scheinen heute weniger im Vordergrund zu stehen – Computer haben die Spielweise verändert. Sindarov bestätigt diese Entwicklung: „Ich stimme zu, dass sich das Schach stark verändert hat. Ich möchte meinen Denkprozess während der Partie aus offensichtlichen Gründen nicht im Detail erklären. Aber ich kann es so zusammenfassen: Ich berechne ständig Varianten, und wenn ich ohne genügend Zeit entscheiden muss, verlasse ich mich auf meine Intuition. Konkrete Berechnung ist die Grundlage des modernen Schachs.“ Was unterscheidet heute die Besten? Ist also die Berechnung der entscheidende Faktor zwischen einem guten und einem Weltklassespieler? Sindarov meint: „Heute kann jeder dank leistungsstarker Computer sehr stark in der Eröffnung sein. Früher war das anders – Garry Kasparov hatte einen Vorteil durch sein Team von Top-Trainern. Heute entscheiden andere Faktoren: Berechnung, Reaktionsgeschwindigkeit, Zeitmanagement, Technik und vieles mehr. Ausserdem ist es wichtig, die richtigen Stellungsarten gegen bestimmte Gegner anzustreben und zu wissen, wann man mehr Risiko eingehen muss.“

Vom Talent zum Kandidatensieger

Noch vor wenigen Jahren galt Javokhir Sindarov als eines der größten Talente. Heute hat er das Kandidatenturnier mit einem der besten Ergebnisse der modernen Geschichte gewonnen (10/14 Punkte, ohne Niederlage). Was hat sich verändert? „Ich habe mich in allen Bereichen verbessert: Eröffnung, Mittelspiel, Endspiel, Berechnung sowie körperliche und psychologische Vorbereitung. Auch die Unterstützung des Staates ist sehr wichtig. Aber egal, wie viel Unterstützung man bekommt oder wie talentiert man ist – das Wichtigste ist harte Arbeit. Und genau das mache ich fast jeden Tag.“ Die Aussagen von Javokhir Sindarov zeigen klar: Der moderne Schachspieler ist weniger ein „Theoretiker alter Schule“ – und mehr ein Rechner, Praktiker und Athlet zugleich. Ein Ansatz, der ihn bis an die Spitze der Schachwelt geführt hat – und nun in den Kampf um die Weltmeisterkrone.

Javokhir Sindarov:Ich habe keine Kasparov-Partien studiert – sondern Capablanca und Botwinnik analysiert“

Moderner Schachstil: Berechnung statt klassischer Strategie? Daraus ergibt sich eine interessante Schlussfolgerung: Tiefe strategische Konzepte, langfristiges Denken und positionelles Spiel scheinen heute weniger im Vordergrund zu stehen – Computer haben die Spielweise verändert. Sindarov bestätigt diese Entwicklung: „Ich stimme zu, dass sich das Schach stark verändert hat. Ich möchte meinen Denkprozess während der Partie aus offensichtlichen Gründen nicht im Detail erklären. Aber ich kann es so zusammenfassen: Ich berechne ständig Varianten, und wenn ich ohne genügend Zeit entscheiden muss, verlasse ich mich auf meine Intuition. Konkrete Berechnung ist die Grundlage des modernen Schachs.“

Was unterscheidet heute die Besten? Ist also die Berechnung der entscheidende Faktor zwischen einem guten und einem Weltklassespieler? Sindarov meint: „Heute kann jeder dank leistungsstarker Computer sehr stark in der Eröffnung sein. Früher war das anders – Garry Kasparov hatte einen Vorteil durch sein Team von Top-Trainern. Heute entscheiden andere Faktoren: Berechnung, Reaktionsgeschwindigkeit, Zeitmanagement, Technik und vieles mehr. Ausserdem ist es wichtig, die richtigen Stellungsarten gegen bestimmte Gegner anzustreben und zu wissen, wann man mehr Risiko eingehen muss.“ Vom Talent zum Kandidatensieger Noch vor wenigen Jahren galt Javokhir Sindarov als eines der größten Talente. Heute hat er das Kandidatenturnier mit einem der besten Ergebnisse der modernen Geschichte gewonnen (10/14 Punkte, ohne Niederlage).

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Was hat sich verändert? „Ich habe mich in allen Bereichen verbessert: Eröffnung, Mittelspiel, Endspiel, Berechnung sowie körperliche und psychologische Vorbereitung. Auch die Unterstützung des Staates ist sehr wichtig. Aber egal, wie viel Unterstützung man bekommt oder wie talentiert man ist – das Wichtigste ist harte Arbeit. Und genau das mache ich fast jeden Tag.“

Die Aussagen von Javokhir Sindarov zeigen klar:

Der moderne Schachspieler ist weniger ein „Theoretiker alter Schule“ – und mehr ein Rechner, Praktiker und Athlet zugleich.Ein Ansatz, der ihn bis an die Spitze der Schachwelt geführt hat – und nun in den Kampf um die Weltmeisterkrone.

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