Eine Zeitreise im Schach: VIKTOR KORTSCHNOI wäre heute 95
Er lebte für das Schach – und für den Kampf „bis zur letzten Patrone“!
S.Adzic
Heute, am 23. März, wäre Viktor Lwowitsch Kortschnoi 95 Jahre alt geworden! Nur wenige Schachlegenden kommen überhaupt in die Nähe eines solchen Alters. Über meine Anwesenheit beim 95. Geburtstag des legendären Andor Lilienthal vielleicht ein andermal. Viktor Kortschnoi verstarb vor acht Jahren, am 6. Juni 2016, im schweizerischen Wohlen. Ein guter Anlass, sich an einen wahrhaft einzigartigen Menschen und Schachspieler zu erinnern.

Wenn man über Schach schreibt oder mit jemandem darüber spricht, ähneln sich die Erinnerungen oft: Mensch – Grossmeister – Gigant, eine unverzichtbare Figur der Schachgeschichte! Mit der Zeit verblassen jedoch die Details. Heute reduziert sich das Bild von Kortschnoi oft auf wenige Schlagworte: starker Grossmeister, unglaublicher Kämpfer, manchmal mürrischer Charakter! Auch wenn all das zutrifft, lohnt es sich, die vielen Nuancen und Facetten in Erinnerung zu rufen.

Kortschnois Verhältnis zum Schach unterschied sich grundlegend von dem vieler seiner Zeitgenossen. Er gab sich dem Spiel vollkommen hin, doch der Gedanke „Ich habe mein Bestes getan“ war ihm fremd. Er verbrannte sich selbst – und war bereit, auch andere in diesem Kampf mitzureißen. Er war es, der das Motto „Kampf bis zur letzten Patrone“ lebte. Dieses innere Feuer trug er sein ganzes Leben lang in sich. In dieser Hinsicht war er zweifellos Weltmeister – vielleicht sogar der grösste Kämpfer der Schachgeschichte!
Er war ein intelligenter und gebildeter Mensch, doch in ihm lebte stets auch der Geist eines Straßenkämpfers. Dazu kam eine unermüdliche Bereitschaft zur Selbstverbesserung.
„Er gab sich dem Spiel vollkommen hin, doch der Gedanke ‚Ich habe mein Bestes getan‘ war ihm fremd. Er verbrannte sich selbst – und war bereit, auch andere in diesem Kampf mitzureissen.“
Kortschnoi gehörte zu den wenigen Spielern (neben Fischer, Geller, Polugajewski und Portisch), die unaufhörlich am Schach arbeiteten. Doch noch wichtiger: Er arbeitete an sich selbst. Er schätzte sein Talent realistisch ein und wusste, dass nur harte Arbeit ihn an die Weltspitze bringen konnte. Er trainierte am Brett, änderte seinen Stil, erweiterte sein Repertoire – selbst als er bereits zu den Besten der Welt gehörte. Er suchte ständig den Kampf und schonte sich nie. Das hielt ihn über Jahrzehnte hinweg konkurrenzfähig.

Es war fast amüsant zu hören, wie sich junge Spieler darüber beklagten, bei der Vorbereitung mit einem über siebzigjährigen Kortschnoi zu ermüden. In seinen Fünfzigern lief er regelmäßig, um fit zu bleiben, obwohl er nie besonders sportlich war. In seinen Sechzigern hörte er mit dem Rauchen auf – schlicht weil es im Turniersaal verboten war.
Vom Spätzünder zum ewigen Grossmeister
In seiner Jugend war er kein Wunderkind. Während Spieler wie Spasski, Tal oder Fischer schon früh glänzten, galt Viktor lediglich als talentierter Spieler. Doch durch harte Arbeit, Stilveränderung und unbändigen Kampfgeist gelang ihm der Durchbruch – sein erster grosser Erfolg kam erst mit 29 Jahren! Für viele beginnt da bereits der Abstieg. Für ihn begann erst ein halbes Jahrhundert grossen Schachs.
Wie war das möglich? Wie konnte er diese zerstörerische Energie über Jahrzehnte aufrechterhalten? Warum erreichte er seinen Höhepunkt erst mit 47? Ein Rätsel. Sicher spielte seine ständige Arbeit am Schach eine Rolle – neue Eröffnungen, Analysen, Zusammenarbeit mit jüngeren Spielern. Doch vor allem dachte er selbstständig und entwickelte eigene Ideen – konkrete wie auch allgemeine.
Der Autor dieser Zeilen konnte sich vor rund 20 Jahren beim Grossmeisterturnier im ungarischen Paks selbst von seiner Energie überzeugen. Kortschnoi verliess kaum sein Hotelzimmer, bereitete sich intensiv vor – und war fast zwei Jahrzehnte älter als der nächstälteste Teilnehmer.
Kortschnoi war einer der ersten, der regelmässig Opfer annahm. Er scheute sich nicht vor Gefahr, sondern suchte die Wahrheit der Stellung. Sein berühmtes „Nehmen des vergifteten Bauern“ ist legendär – und dennoch verlor er selten deswegen. Er fürchtete das Wort „gefährlich“ nicht. Er riet nicht – er rechnete. Vielleicht liegt darin auch das Geheimnis seiner hervorragenden Bilanz gegen Mikhail Tal.
Intuition und Beständigkeit

Lange vor der Ära von Magnus Carlsen war Kortschnoi ein herausragender Endspielspieler – vielleicht der beste seiner Zeit, insbesondere in Turmendspielen. Obwohl er kämpferische und komplizierte Stellungen liebte, spielte er oft schwierige Eröffnungen wie die Französische Verteidigung oder die Pirc-Verteidigung – getragen von einer außergewöhnlichen Intuition. Bereits 1972 empfahl er Spasski, gegen Fischer die Russische Partie und die Berliner Verteidigung zu spielen – Systeme, die heute zu den wichtigsten Waffen gehören.
Er spielte unglaublich viel und scheute keine Herausforderung. Status interessierte ihn wenig – wichtig war ihm das Spiel selbst. Selbst als Weltklassespieler nahm er 1973 an der Leningrader Meisterschaft teil, um sich vorzubereiten. Das Ergebnis war schwach – doch kurz darauf gewann er brillant das Interzonenturnier.
Von allen Spielern des 20. Jahrhunderts bestritt er die meisten Partien und Turniere – oft ohne Rücksicht auf finanzielle Aspekte. Doch das hatte seinen Sinn: jedem Kampf lernte er!
„Er fürchtete das Wort ‚gefährlich‘ nicht. Er riet nicht – er rechnete. Vielleicht liegt darin auch das Geheimnis seiner hervorragenden Bilanz gegen Mikhail Tal.“
Er war auch im hohen Alter eine beeindruckende Persönlichkeit – elegant, scharfzüngig, manchmal ironisch, dann wieder charmant und humorvoll. Er konnte stundenlang über Schach sprechen, Literatur zitieren und vergangene Meister analysieren. Temperamentvoll und manchmal aggressiv, sowohl während als auch nach der Partie. Viele fürchteten ihn. Manche fanden ihn schwierig. Doch Grösse wird oft verziehen.
Karpov sagte einmal: „Schach ist mein Leben – aber mein Leben ist nicht nur Schach.“ Kortschnoi hätte wohl den zweiten Teil gestrichen.
Mit 70 gewann er das Superturnier in Biel, mit 80 besiegte er noch Weltklassespieler wie Caruana! Seine besten Jahre lagen in den Siebzigern. Seine Matches gegen Karpov sind legendär – ebenso seine Partien gegen Spasski, Petrosjan oder Polugajewski.
Er wurde nie Weltmeister. Doch seine Grösse lag nicht im Talent allein, sondern in seiner Fähigkeit, alles selbst zu erarbeiten, zu erkämpfen, aufzubauen.
- Ein Kämpfer durch und durch.
- Über sieben Jahrzehnte aktiv am Brett.
- Hunderte und Aberhunderte Turniere.
- Vierfacher UdSSR-Meister: 1960, 1962, 1964, 1970.
- Unerschütterlich. Prinzipientreu. Stur.
Und immer bereit zum Kampf !